WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Grüne kommen in die Midlife-Crisis - von Daniela Friedinger

Das Beispiel Oberösterreich zeigt, dass grün nicht gleich wirtschaftsfeindlich ist

Wien (OTS) - Mancher in der Tiroler ÖVP ist wohl vom eigenen Mut überrascht: Landeshauptmann Günther Platter lässt die Grünen nicht nur in Innsbruck mitregieren, was bis vor Kurzem noch unvorstellbar gewesen wäre. Platter empfiehlt vielmehr sogar der Bundes-VP, nach den Nationalratswahlen im Herbst das grüne Experiment zu wagen. Ebenso scheint in Salzburg die Regierungsbeteiligung der Grünen zum Greifen nah. Für die Landessprecherinnen Ingrid Felipe und Astrid Rössler sowie für Bundeschefin Eva Glawischnig ist das aber nicht nur ein Grund zum Jubeln. Denn der Griff nach der Macht bedeutet für die ehemalige Oppositionsbewegung vor allem eines: Sie muss ihre Regierungsfähigkeit beweisen und außerdem diverse Ängste zerstreuen.

So äußert hinter vorgehaltener Hand selbst die so mutig gewordene Tiroler VP die Sorge, dass für die Seilbahnwirtschaft die fetten Jahre vorbei seien. Oder dass der von der Industrie urgierte Kraftwerksausbau wegen des befürchteten Boykotts durch die Grünen zum Erliegen komme. Dabei haben die Zweifler nicht nur die weit zurückliegende Besetzung der Auen von Hainburg vor Augen. Auch gegenwärtige Ereignisse wie die ausgeweiteten Parkpickerl-Zonen in Wien oder die autofreie Mariahilfer Straße haben den Grünen in der Wirtschaft nicht nur Sympathien eingebracht.

Dass grün aber keinesfalls automatisch wirtschaftsfeindlich heißt, zeigt das Beispiel Oberösterreich. Dort sind die Grünen seit 2003 Teil der Landesregierung und ihr Chef Rudi Anschober ist längst mehr Pragmatiker als Öko-Idealist. Dabei setzt er geschickt auf grüne Themen. Einerseits ist dies der Kampf gegen das AKW Temelin, andererseits die Schaffung sogenannter Green Jobs, wo Anschober durchaus wirtschaftliche Erfolge vorweisen kann: Wenn auch mithilfe von Fördergeld, so hat es Oberösterreich zum Beispiel im Bereich Biokessel-Hersteller zu einer weltweit führenden Region geschafft.

Die Anfang der 80er-Jahre gegründeten Grünen sind sozusagen in die Midlife-Crisis, eine Phase der Selbstfindung, gekommen: Entscheiden sie sich für den pragmatischen Weg wie Rudi Anschober, dann werden sich grüne Regierungsbeteiligungen bewähren. Gewinnen aber Fundamentalisten die Oberhand, dann wird das grüne Experiment ein einmaliges bleiben.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt Medien GmbH
Tel.: 0043160117-305
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001