OÖNachrichten-Leitartikel: "Nächste Haltestelle Ballhausplatz", von Christoph Kotanko

Ausgabe vom 7. Mai

Linz (OTS) - Nehmen wir einmal an, die ÖVP hätte die Wehrpflichtbefragung verloren, wäre in Kärnten ausradiert, in Niederösterreich und Tirol geschwächt worden, in Salzburg Zweiter geblieben: Der Obmann hieße heute nicht mehr Spindelegger. Vermutlich hätte er schon einen Flop in Niederösterreich nicht überstanden.
Doch die Volksbefragung, von der SPÖ ohne Not herbeigeführt, wurde zum VP-Sieg. Auch bei drei der vier Landtagswahlen waren die Schwarzen - trotz Verlusten - obenauf.
Das hat wenig mit dem Kanzlerkandidaten zu tun. In Kärnten gelang Spindelegger mit dem Transfer des Staatssekretärs Waldner ein kluger Schachzug, den Rest erledigten die Landesparteien. Aber die Stimmung der oft melancholischen Bürgerlichen hat sich aufgehellt. Der Parteichef hat keine Querschüsse von Landes- oder Bündebossen zu befürchten. Das ist recht rar in der ÖVP.
Im "Superwahljahr" ist die nächste Haltestelle für den Wahlkampftross der Wiener Ballhausplatz. Spindelegger wird in dieser kommenden Auseinandersetzung eine Hauptrolle haben. Das war am Jahresbeginn nicht selbstverständlich. Da war er in Gefahr, neben Faymann und Strache nur Edelkomparse zu sein.
Jetzt sind Kanzler und Vizekanzler auf Augenhöhe. Die Wahlkampfduelle werden spannend. In der Vergangenheit hatte Faymann im Fernsehen die bessere Performance.
Thematisch ist die ÖVP gut aufgestellt. Beim Wohnen überraschte sie die Sozialdemokraten mit ihrem Vorstoß mitten in den Gemeindebau. Die SPÖ brauchte Tage, ehe sie eine Linie für sozial gerechte Mieten fand.
Jüngstes Thema ist die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gefordert werden mehr Kinderbetreuungseinrichtungen und neue Teilzeitvarianten. Das Programm klingt gut, ist aber teuer. Wahlkampfzuckerl sind eine Verlockung - auch für die ÖVP, die sich gleichzeitig als kostenbewusste Wirtschaftspartei darstellen möchte. Den Spagat muss Spindelegger erst schaffen.
Entschieden wird die Nationalratswahl durch die bessere Mobilisierung. Nach den Aha-Erlebnissen sind Spindeleggers Leute motiviert. Aber die Konkurrenz schläft nicht.
Faymann startet als Favorit; Wendestimmung gibt es keine. Die Grünen sind erstarkt, die Schwächeanfälle Straches und Stronachs vorerst vorbei. In dem Umfeld kann Spindelegger nur gewinnen, wenn ihm ein beherzter Sprung über die eigenen Grenzen gelingt.

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