Ein politisch brisantes Eigentor / Leitartikel von Jochim Stoltenberg

Berlin (ots) - Welch ein Eigentor! Uli Hoeneß, der so gern den Saubermann spielte, Klartext redete und sich auch auf die moralische Variante verstand, hat sich selbst entzaubert. Wer von sich behauptet, er sei kein Besserwisser, sondern ein Bessermacher, aber wissentlich sein Vermögen am Staat illegal vorbei im Ausland bunkert, um Steuern zu sparen, hat seine Glaubwürdigkeit verspielt. Das ist eigentlich sehr bedauerlich. Denn Uli Hoeneß ist nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer und Bayern Manager. Er war auch sehr oft zur Stelle, wenn es galt, anderen zu helfen. Das hat ihn für viele zum Vorbild gemacht. Davon gibt es in Deutschland leider nicht mehr sehr viele. Und nun wieder eins weniger. Uli Hoeneß, der Steuerhinterzieher, dem im für ihn schlimmsten Fall eine mehrjährige Haftstrafe droht, hat auch ein höchst brisantes politisches Eigentor geschossen. Er hat seine Selbstanzeige mit dem Scheitern des Steuerabkommens zwischen Deutschland und der Schweiz begründet. Wäre es unterzeichnet worden, hätte er seine Steuerschuld für das am Fiskus vorbei illegal in die Eidgenossenschaft transferierte Geld zwar nachzahlen müssen, aber er wäre anonym, sein guter Ruf unbeschadet geblieben. Die Selbstanzeige, so hofft er, soll ihn vor strafrechtlichen Folgen bewahren. Ob das tatsächlich gelingt, hängt davon ab, wann und wie die Steuerermittler Hoeneß auf die Spur gekommen sind und um welche Summe es auf dem Nummernkonto geht. Beides ist zurzeit noch unklar. Klar ist dagegen, dass Hoeneß' Eigentor der SPD und den Grünen in den Wahlkämpfen im Bund und in Bayern, der Heimat des Wurstfabrikanten und Fußball-Präsidenten, neuen Mut macht. Und das aus gleich zwei Gründen. Zum einen hat die Opposition das Steuerabkommen eben mit der Begründung abgelehnt, Steuerbetrug könne nicht nachträglich legalisiert werden, Betrüger wie jetzt Hoeneß dürften weder anonym noch straffrei davonkommen. Außerdem ist Deutschlands erfolgreichster Fußballmanager engstens verbandelt mit CDU und CSU. Wer will es SPD und Grünen da verübeln, den Regierungsparteien schwerstes Foulspiel zu unterstellen. Ihr Abkommen mit der Schweiz solle allein der Absicht dienen, Freunde und Sympathisanten wie Hoeneß zu schützen, so deren Behauptung. Das ist zwar ziemlich stark übertrieben, aber in Wahlkampfzeiten sehr wohl erlaubt. Mit dem Steuerabkommen, so Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), sollte legal ein erwarteter dreistelliger Milliardenbetrag dem deutschen Fiskus nachgezahlt werden. Nach dem Scheitern des Abkommens bleiben die Fahnder auf die Zulieferung von Datendieben angewiesen. Der Ertrag ist ungewiss, aber wahlkampftauglich allemal. Hoeneß' Eigentor hat das Zeug zum Eigentor des Jahres, der Jubel der Opposition ist mehr als nur Schadenfreude. Bleibt die Frage, warum ein so intelligenter Mann sich darauf eingelassen hat und mit einer Doppelmoral leben konnte, ohne rot zu werden? Ganz nebenbei: Franz Beckenbauer hat seinen Wohnsitz steuergünstig nach Österreich verlegt, Michael Schumacher und Sebastian Vettel in die Schweiz. Darüber wird kaum ein Wort verloren.

Rückfragen & Kontakt:

BERLINER MORGENPOST
Chef vom Dienst
Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | EUN0005