Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kulturnation ohne Staat"

Ausgabe vom 19. April 2013

Wien (OTS) - Man muss kein Anarchist sein, um der Kraft der schöpferischen Zerstörung ihren Reiz abzugewinnen. Wenn nichts mehr geht, laufen kleinteilige Reformen an diesem oder jenem Rädchen zwangsläufig ins Leere. In solchen Fällen bleibt nichts anders mehr übrig, als die alte Welt zum Einsturz zu bringen und auf den Ruinen eine neue aufzubauen.

Italiens Politik weiß, wie ein solcher Zusammenbruch der bestehenden Ordnung sich anfühlt. Vor nunmehr 20 Jahren implodierte die durch und durch korrumpierte Parteienlandschaft der Nachkriegszeit. Das, was Berlusconi & Co errichten, war vielleicht anders, allerdings um keinen Deut besser. Neue Abhängigkeiten ersetzten alte, in Summe jedoch überwogen die Kontinuitäten des Dysfunktionalen. Joseph Schumpeters Hoffnungen auf die Kreativität des Neuen blieben ein leeres Versprechen.

An der Notwendigkeit, Italiens politisches System von Grund auf neu zu erbauen, hat sich bis heute nichts geändert. Kann sich nichts ändern. Zu groß sind nach wie vor die Beharrungskräfte - und das betrifft längst nicht nur Berlusconis verzweifelten Kampf gegen eine juristische Verurteilung mit politischen Mitteln. Daran ändert auch ein Pakt der Parteien für die Wahl eines neuen Staatspräsidenten nichts (die bei Redaktionsschluss noch am Laufen war).

Italiens staatliche Existenz erscheint auch mehr als 150 Jahren nach der Einigung ein Rätsel. Europas Kulturnation par excellence unterliegt der fortgesetzten politischen, ökonomischen und sozialen Desintegration; nicht nur die Bürger misstrauen ihrem Staat zutiefst; und wo der Staat versagt, bietet allein die eigene Familie, der eigene Clan, das notwendige Gefühl für Sicherheit. Der ausufernde Klientelismus, der sich instinktsicher fast immer gegen die Nation richtet, der Separatismus des Nordens und die organisierte Kriminalität sind logische Konsequenzen.

Und dennoch ist der Traum von Revolution eine prekäre Gratwanderung in der Wirklichkeit. Der Komiker Beppe Grillo ist mit diesem Versprechen in Italien angetreten, im nicht minder kaputten Griechenland werkt der Linkspopulist Alexis Tsipras an der gleichen Mission einer nationalen Erneuerung.

Bisher haben beide eher dazu beigetragen, die alten Kräfte an der Macht zu halten, als für nötige politische Erneuerung zu sorgen.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001