"Kleine Zeitung" Kommentar: "Es wird nichts nützen, die Mauern höher zu ziehen" (Von Damir Fras)

Ausgabe vom 17.04.2013

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben sich die USA in eine Festung verwandelt. Die Polizei hat seither mehr Befugnisse als je zuvor in der Geschichte. Die Freiheit des Einzelnen ist rigoros beschnitten worden. Es wird gelauscht und gefilmt, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Die feigen Angriffe auf New York und Washington sind mit fürchterlichen Kriegen in Afghanistan und im Irak beantwortet worden.

Es stimmt schon: Auch deswegen blieb die Festung USA einige Jahre lang von neuen Terrorattacken verschont. Anschläge auf Flugzeuge wurden vereitelt und Attentäter festgenommen, bevor sie ihre Sprengsätze zünden konnten. Es schien, als führten mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden tatsächlich zu mehr Sicherheit. Doch das war ein Trugschluss.

Denn der Terror ist in die USA zurückgekehrt und hat eine überwunden geglaubte Angst wiederbelebt. Es ist die Angst vor dem Angriff aus dem Hinterhalt. Es ist die Angst, die im Stande ist, eine Gesellschaft zu lähmen. Den Tätern von Boston ist es gelungen, ihre Bomben ausgerechnet an einer Marathonstrecke explodieren zu lassen. Die Bombenleger wollten die USA vorführen. Sie haben ihr Ziel erreicht.

Hunderte von Polizisten konnten nichts ausrichten, die Überwachung mit Hubschraubern schlug fehl, der Einsatz von Spürhunden ebenso. Die Sicherheitsbehörden sagen, es habe keine Hinweise gegeben, dass sich ein Anschlag ereignen könnte. Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht sind aber auch Warnungen untergegangen, weil der eine Beamte nicht hörte, was der andere sagte.

Die Bombenleger von Boston haben einem ganzen Land wieder ein Gefühl der Sicherheit genommen. Amerika ist verwundbar - von innen wie von außen. Das mögen die Amerikaner im vergangenen Jahrzehnt vergessen oder verdrängt haben. Aber so ist es, und so wird es auch bleiben.

Noch ist in den USA keine vernehmbare Debatte darüber entstanden, welche Schlussfolgerungen aus dem Anschlag zu ziehen sind. Noch dominiert die Trauer um die Opfer. Noch wird nach den Attentätern gesucht. Wenn die Zeit gekommen ist, werden die Amerikaner darüber streiten müssen, wie sie das Gefühl der Sicherheit wiederherstellen können.

Klar ist aber heute schon: Es wird nichts nutzen, die Festungsmauern höher zu ziehen, als sie heute sind. Freie Gesellschaften lassen sich nicht vollständig schützen. Terroristen finden einen Weg. Boston ist der furchterregende Beweis. ****

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