- 08.04.2013, 13:51:23
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Festakt zum Internationalen Roma-Tag im Parlament
Roma in Österreich: 20 Jahr Anerkennung als Volksgruppe
Utl.: Roma in Österreich: 20 Jahr Anerkennung als Volksgruppe =
Wien (PK) - "Wir sind vom Rand der Dörfer in die Mitte gerückt",
beschrieb Prof. Rudolf Sarközi kürzlich die Entwicklung der
österreichischen Roma seit deren Anerkennung als Volksgruppe im Jahr
1993. Am heutigen Internationalen Roma-Tag lud
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer gemeinsam mit VertreterInnen
der österreichischen Roma - allen voran Prof. Rudolf Sarközi -
prominente Gäste zu einer Festveranstaltung unter dem Titel "20 Jahre
Anerkennung der Roma als sechste Österreichische Volksgruppe" in das
Parlament ein. Die Veranstaltung beleuchtete die schmerzvolle
Geschichte der Roma, die erfolgreichen Bemühungen um Sprache und
Kultur der Volksgruppe sowie die aktuellen Herausforderungen in
Österreich und in Europa bei der sozialen Integration dieser
Menschen, die lange Zeit Opfer von Diskriminierung und Ausgrenzung
waren und es mancherorts immer noch sind. Die Festrede von
Bundespräsident Heinz Fischer enthielt daher einen Appell zum Kampf
gegen Vorurteile und Ausgrenzung.
Prammer: Europäische Roma-Strategie MIT den Roma umsetzen
In ihren einleitenden Ausführungen würdigte die
Nationalratspräsidentin die erfolgreiche Arbeit der Roma-Vereine bei
der Stärkung des Selbstbewusstseins der Roma und beim Sichtbarmachen
der Volksgruppe. Mit Freude berichtete Barbara Prammer über
gemeinsame Projekte mit Roma-KünstlerInnen im Rahmen der Wiener
Festwochen und bekannte sich dazu, den Internationalen Roma-Tag auch
künftig im Parlament zu begehen. Dabei ist laut Prammer nicht nur
über die Erfolge der österreichischen Volksgruppenpolitik, sondern
auch über deren aktuelle Herausforderungen zu sprechen. Und es sollen
auch jüngere VertreterInnen der Roma zu Wort kommen, lautete der
Wunsch der Nationalratspräsidentin.
Über die Entwicklung der Volksgruppe gebe es bedauerlicherweise nicht
nur Positives zu berichten. In einigen europäischen Ländern leben die
Roma und Sinti nach wie vor unter diskriminierenden Bedingungen am
Rande der Gesellschaft und oft werde ihnen die Existenzberechtigung
abgesprochen. Es liege daher in der Verantwortung der Politik in
Österreich und in Europa, gegen die Ausgrenzung der Roma aufzutreten.
An dieser Stelle verlangte Prammer ausdrücklich, die Roma-Strategie
der Europäischen Union nicht nur für die Roma, sondern MIT den Roma
umzusetzen. Es liege in der Verantwortung der Mehrheitsbevölkerungen,
für die Integration von Minderheiten zu sorgen und dazu gehörten
insbesondere auch ausreichender Wohnraum und
Beschäftigungsmöglichkeiten. Es genüge nicht, den Roma am
Internationalen Roma-Tag Wertschätzung auszudrücken, vielmehr gehe es
darum, sie in allen Ländern als Volksgruppe anzuerkennen und jede
Form von Diskriminierung und Ausgrenzung zu überwinden, betonte
Prammer.
Steier: Burgenland ist Vorbild beim Zusammenleben der Volksgruppen
Der Präsident des Burgenländischen Landtags Gerhard Steier erinnerte
in seinen Grußworten an die schmerzvolle und demütigende Geschichte
der österreichischen Roma, von denen 90% der NS-Gewaltherrschaft zum
Opfer fielen. Landtagspräsident Steier gab seiner Freude darüber
Ausdruck, dass in der Geschichte des Burgenlandes kaum Konflikte
zwischen Volksgruppen zu verzeichnen waren. So habe sich das
Burgenland zu einem Vorbild für das Zusammenleben verschiedener
Volksgruppen entwickelt. Die Menschen dieses Grenzlandes hatten immer
unter den Folgen von Unruhen zu leiden und haben die Erfahrung
gemacht, dass es keine Rolle spiele, welche Sprache die Menschen
sprechen oder welcher Religion sie angehören, wenn man gemeinsam
arbeitet und miteinander lebt. Dennoch seien die Roma lange Zeit am
Rande der Gesellschaft gestanden, sagte Steier und würdigte das
Eintreten des ehemaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky und Prof.
Rudolf Sarközis für die Anerkennung dieser Volksgruppe.
Vieles sei geschehen, um Sprache und Kultur der Roma zu pflegen sowie
Bildung und soziale Standards zu verbessern. Man dürfe aber die Augen
nicht vor der Realität verschließen, mahnte der burgenländische
Landtagspräsident und fügte abschließend hinzu: "Immer noch leben
Angehörige der Volksgruppe am Rande der Gesellschaft. Wir dürfen
daher nicht innehalten. Es bleibt noch viel zu tun, um die soziale
Situation der Roma an den Durchschnitt der Bevölkerung
heranzuführen".
Schmied: Immer mehr Roma erreichen höhere Bildungsabschlüsse
Bundesministerin für Unterricht und Kunst Claudia Schmied
unterstrich, dass sich die Anerkennung einer Volksgruppe nicht in
einem juristischen Akt erschöpfe und Anerkennung auch mehr sei als
die Förderung einer Volksgruppe. Anerkennung aller Menschen zähle zu
den Voraussetzungen einer humanen Gesellschaft und bedeute das
Gegenteil von Unterdrückung und Ignoranz. Während der Zugang der
Minderheiten zu Bildung in vielen Ländern immer noch erschwert sei,
wie die Ministerin beklagte, nehme Österreich bei der Integration von
Minderheiten eine Vorreiterrolle ein. Ein Beispiel dafür sei die
Volksgruppe der Roma, die vom Rand in die Mitte der Gesellschaft
gerückt sei, was seinen Ausdruck auch darin finde, dass immer mehr
junge Mitglieder der Volksgruppe höhere Bildungsabschlüsse
erreichten, berichtete die Unterrichtsministerin.
Fischer erinnert an den Leidensweg der Roma
Bundespräsident Heinz Fischer brachte in seiner Festrede seine
Wertschätzung für die Roma zum Ausdruck und sprach von einem langen
und steinigen Weg, den diese Volksgruppe in Österreich bis zu ihrer
Anerkennung und sogar noch danach zurückzulegen hatte. Die Würdigung
der Roma und deren Anerkennung als Volksgruppe verlange aber auch,
daran zu erinnern, dass es im 20. Jahrhundert in der Zeit der NS-
Diktatur die brutalsten Bemühungen gegeben hat, diese Volksgruppe
physisch auszulöschen, gab Fischer zu bedenken. Das Schicksal der
österreichischen Roma, von denen nur 10% die NS-Vernichtungspolitik
überlebt hatten, sei erst in den Achtzigerjahren ein öffentliches
Thema geworden, wobei die Volksgruppe im Februar 1993 durch das
Bombenattentat von Oberwart auf besonders tragische Weise ins Licht
der Öffentlichkeit rückte. Kritisch merkte Fischer unter Hinweis auf
den Schlussbericht der Österreichischen Historikerkommission an, die
Republik sei in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende zögerlich mit
Rückstellungen oder Entschädigungszahlungen an Roma umgegangen.
Appell zum Kampf gegen Vorurteile und Ausgrenzung
Fischer machte ferner auf den europäischen Aspekt des Schicksals der
Roma und Sinti aufmerksam. Mit 12 Millionen Menschen seien die Roma
und Sinti die größte ethnische Minderheit in Europa, gehörten aber zu
den am meisten von Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus
betroffenen Gruppen. In einzelnen europäischen Ländern komme es noch
immer zu Anfeindungen, Benachteiligungen oder gar Gewaltakten gegen
Roma und Sinti, warnte er. Der Bundespräsident hob in diesem
Zusammenhang die Bedeutung des EU-Rahmens für nationale Strategien
zur Integration der Roma und Sinti hervor und betonte, Ziel müsse es
sein, den Zugang der Angehörigen der Volksgruppe zu Bildung,
Beschäftigung, Gesundheitsfürsorge und Wohnraum zu verbessern.
Fischer sah dabei vor allem das Grundproblem der immer noch tief
verwurzelten Vorurteile gegenüber bestimmten Volksgruppen
angesprochen und unterstrich mit Nachdruck, es gelte, diesen
Vorurteilen gemeinsam mit aller Kraft entgegenzutreten. Die
Erkenntnis, dass alle Menschen gleich an Rechten und Würde geboren
sind, müsse in die Köpfe aller Eingang finden und zur
Selbstverständlichkeit im täglichen Leben werden, stand für den
Bundespräsidenten fest. Dies sei vielleicht immer noch eine Utopie,
doch das Bekenntnis dazu bilde die Voraussetzung, dass diese Utopie
zur Realität werden kann, schloss Fischer.
Vranitzky und Sarközi: Aufruf zu weiterem Engagement für die Roma
Zu einer Diskussion nahmen dann gemeinsam mit Bundeskanzler a.D.
Franz Vranitzky, Prof. Rudolf Sarközi, der Gründer des Kulturvereins
österreichischer Roma, der Geschäftsführer des Vereins, Andreas
Sarközi, sowie Gitta Martl, Gründerin des Vereins Ketani und dessen
Geschäftsführerin Nicole Sevik und Mario Baranyai, Urenkel von
Holocaust-Überlebenden am Podium im festlich geschmückten
Sitzungssaal des Nationalrats Platz. Gemeinsam reflektiert wurde über
damalige Voraussetzungen zur Anerkennung der Roma als Volksgruppe,
aber auch über notwendige gegenwärtige und zukünftige Schritte für
deren weitere Integration in alle Bereiche der Gesellschaft.
Eine gute Tat habe immer viele Väter und Mütter, so das Fazit des
Bundeskanzlers a.D. Franz Vranitzky über das politische
Zustandekommen der Anerkennung in den 1990iger Jahren. Für den Redner
stand jedoch überdies fest, dass diese Entwicklung untrennbar und
besonders mit dem Namen Rudolf Sarközi verbunden ist. Aber nicht nur
die Gespräche mit dem Gründer des Kulturvereins österreichischer Roma
habe damals zur Anerkennung beigetragen, auch internationale
Entwicklungen wie das europäische Integrationsprojekt hätten zu einer
anderen atmosphärischen Grundlage geführt, auf deren Basis man
ungezwungener und offener agieren habe können. Nicht zuletzt sei das
positive Ergebnis auch der damaligen Bundesregierung und dem
Nationalrat zu verdanken, die dieses Anliegen unterstützten. Geht es
jedoch um die Roma-Politik in anderen europäischen Ländern, plädierte
Vranitzky dafür, sich diesem Thema in der EU eingehender zu widmen.
Am Zug seien, stellte Vranitzky fest, die einzelnen Regierungen, um
die Botschaft einer humanistischen Vereinigung zu vermitteln.
"Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, heute ist es warm", resümierte
Prof. Rudolf Sarközi sinnbildlich die Entwicklung seiner Aktivitäten
für das Zustandekommen der Anerkennung der Roma als sechste
Volksgruppe in Österreich und seiner nunmehrigen Arbeit zur
gesellschaftlichen Integration der Roma in alle Lebensbereiche.
Es sei die Wut der jungen Menschen über die Ausgrenzung gewesen, die
der Motor zur Initiative gewesen sei, erinnerte sich Sarközi und gab
mit seinen Erzählungen Einblick in sein Tun. Persönlich habe er auf
seinem Weg viele Freunde und Unterstützer gefunden, bei denen sich
der Redner bedankte. Auch wenn man vom Rand in die Mitte und damit
angekommen sei, so forderte der Gründer des Kulturvereins
österreichischer Roma in seinen Schlussworten, sich der Thematik
mitsamt seinen Problemen weiterhin zu stellen.
Im Rahmen der Festveranstaltung, durch die der Historiker Gerhard
Baumgartner als Moderator führte, zeichnete ein Video den "Weg der
Anerkennung der Roma als Volksgruppe" nach. Für die musikalische
Umrahmung mit der österreichischen Bundeshymne an der Spitze sorgte
das Martin Denic Ensemble. (Schluss) fru/hof/keg
HINWEIS: Fotos finden Sie nach dieser Veranstaltung im Fotoalbum auf
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