- 03.04.2013, 18:54:45
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Beistand für den Buhmann" von Gerald John
Überforderte Lehrer benötigen mehr Rüstzeug als eine moderne Ausbildung - Ausgabe vom 4.4.2013
Utl.: Überforderte Lehrer benötigen mehr Rüstzeug als eine moderne
Ausbildung - Ausgabe vom 4.4.2013 =
Wien (OTS) - Lehrer geben ein prächtiges Feindbild ab. Es gibt kaum
jemanden, der sich in der Schulzeit nicht von irgendeinem Exemplar
drangsaliert gefühlt hat - und dann tut die Standesvertretung auch
noch alles dafür, die schlechten Erinnerungen an selbstherrliche
Zuchtmeister aufleben zu lassen. Früher die Schüler, heute die
Ministerin: Wer frech ist, bekommt das Rohrstaberl auf die Finger.
Oft genug ist es ein Ärgernis, wie Lehrervertreter in der
Bildungsdebatte auftreten. Jeden schüchternen Versuch, am Uraltgefüge
des Schulsystems zu rütteln, scheint die christdemokratisch
dominierte Gewerkschaft als Kriegserklärung aufzufassen. Beispiel
Arbeitszeit: Seit Jahren buhlt Bildungsministerin Claudia Schmied um
ein neues Dienstrecht, das Lehrerinnen und Lehrer zu mehr
Unterrichtsstunden in den Klassen verpflichten soll - erreicht hat
sie außer politischen Demütigungen bislang nichts. Ringt sich die
Regierung zumindest halbherzig dazu durch, die dringend nötige
Ganztagsschule auszubauen, genießt die Lehrerschaft
selbstverständlich ein Vetorecht. Da wedelt der Schwanz mit dem Hund:
Ziel der Schulpolitik sollte immer noch die optimale Förderung der
Kinder sein - und nicht, dass Lehrer möglichst schon zum Mittagessen
daheim sind.
Doch es gibt auch eine andere Seite des Pädagogendaseins. Neben den
"Auspufflehrern", die ihre ewig gleichen Skripten herunterbeten und
mit der Schulglocke fluchtartig das Weite suchen, widmen sich
Kollegen mit viel Einsatz ihrer Berufung - und fühlen sich dennoch
zunehmend ohnmächtig. Über die Ursachen kann man lange streiten;
Tatsache ist, dass Lehrer, vor allem in den Hauptschulen der
Ballungszentren, heute mit einer viel schwierigeren Klientel zurande
kommen müssen als früher. Schüler raufen mit der fremden Sprache,
schleppen psychische und soziale Probleme aus überforderten Familien
mit. Oft ist viel zwischenmenschliche Feinarbeit nötig, ehe überhaupt
an Unterricht zu denken ist. Ohne Hilfe werden die Lehrer scheitern.
Sollen die Pädagogen den neuen Herausforderungen gewachsen sein, muss
ihnen die Politik das nötige Rüstzeug mitgeben. Die Reform der
Lehrerausbildung, auf die sich die Regierung nach einer - wie üblich
- lähmend langen Vorlaufzeit geeinigt hat, ist ein wichtiger
Baustein, sofern ein Teil des Projekts nicht noch am damit verlinkten
Dienstrecht scheitert. Schade nur, dass nicht gleich auch die
Ausbildung für die Kindergärtnerinnen auf neue Beine gestellt wird.
Weitere Schritte sind überfällig. Sollen Lehrer öfter in der Klasse
stehen, müssen sie von Verwaltungskram entlastet werden. Es braucht
Sozialarbeiter, Begleitlehrer und Schulpsychologen für das
Krisenmanagement sowie Büroplätze, die nicht an chinesische
Fließbandfabriken gemahnen. Wer Ellbogen an Ellbogen vor einem
Quadratmeter Schreibtisch hocken muss, wird sich um mehr Zeit in der
Schule nicht reißen.
Regierungspolitiker verlangen zu Recht, dass sich die Lehrervertreter
bewegen und Partikularinteressen von anno dazumal für eine moderne
Schulreform opfern. Doch dafür müssen sie eine Gegenleistung bieten:
Bedingungen, die vernünftige Arbeit in einer immer komplizierteren
Schulwelt erst möglich machen. All das hat die Koalition auch
zugesichert, doch das stagnierende Budget löst das Versprechen der
"Bildungsoffensive" nicht ein. Es ist zu befürchten, dass einmal mehr
gekleckert statt geklotzt wird.
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