- 03.04.2013, 12:43:50
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Rauriser Literaturpreis an Matthias Senkel
Burgstaller überreichte Rauriser Literaturpreis / Förderungspreis ging an Renate Silberer
Utl.: Burgstaller überreichte Rauriser Literaturpreis /
Förderungspreis ging an Renate Silberer =
Salzburg (OTS) - Den Rauriser Literaturpreis überreichte
Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller heute, Mittwoch, 3. April, an
Matthias Senkel. Der Förderungspreis ging an Renate Silberer. "Das
diesjährige Motto 'Lebens.Wege' ist insbesondere der Biografie als
Literaturgattung gewidmet. Nicht zuletzt die heute ausgezeichneten
Werke geben davon Zeugnis - jedes auf seine sehr spezifische Weise",
betonte Landeshauptfrau Burgstaller heute Abend bei der Eröffnung der
43. Rauriser Literaturtage und der Preisverleihung.
Matthias Senkel wurde für sein Romandebut "Frühe Vögel" (Aufbau
Verlag, 2012) mit dem mit 8.000 Euro dotierten Literaturpreis des
Landes ausgezeichnet. In der Begründung der Jury, bestehend aus
Alexandra von Arx (Literaturvermittlerin und -kritikerin, Schweiz),
Dr. Bemhard Fetz (Literaturarchiv, Wien), Dr. Jan Süßelbeck
(Universität Marburg), heißt es:
"Es handelt sich um eine Familienchronik, die mit der Geburt des
Protagonisten Theodor Leudoldt um 1871 im deutschen Kaiserreich ihren
Lauf nimmt und eine alternative Geschichte der Luft- und Raumfahrt
erzählt. 'Frühe Vögel' ist in seiner formalen Avanciertheit ein Werk,
das weit mehr ist als eine bloße, wenn auch bizarre,
Familiengeschichte. Es ist ein sagenhafter Schelmen-, ein
historischer Bildungs-, ein fragmentarischer Künstler- und ein
aufregender Abenteuerroman in einem. Senkel baut außerdem
Fotografien, Comics und Zeichnungen mit ein, um die medialen Mittel
literarischen Schreibens zu erweitern: Sein Text enthält sowohl ein
Interview als auch ein ausführliches Personenregister inklusive einer
Nacherzählung der Todesumstände aller vorkommenden Figuren. Diese
Lebensläufe eröffnen mit ihren vielfachen Bezügen neue Blickwinkel
auf die deutsche Mentalitäts-, Gesellschafts- und Technikgeschichte.
Matthias Senkels Roman 'Frühe Vögel' verweigert sich jeglicher
einschränkenden Gattungszuweisung. 'Frühe Vögel' funktioniert wie ein
Hypertext; es ist ein Zettelkasten voller poetischer Ideen, ein
Roman, der die Möglichkeiten eines gedruckten Buches noch einmal ganz
neu auslotet. Senkel schlägt in seinem Roman nicht nur eine
alternative Geschichtsschreibung vor, sondern lädt seine Leser auch
dazu ein, in seinem Werk auf eine Entdeckungsreise durch die
wechselvolle Geschichte technischer Innovationen im Zeichen der
Dialektik der Aufklärung zu gehen. Der Rauriser Literaturpreis geht
damit an einen Autor, dem es gelingt, experimentelles Schreiben mit
Ironie und einer überbordenden Erzählfreude zu kombinieren."
Matthias Senkel wurde 1977 in Greiz (Thüringen) geboren und lebt
in Leipzig. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und
in Halle an der Saale, schreibt Lyrik und Prosa und veröffentlicht in
diversen Zeitschriften und Anthologien. Er ist Preisträger des 17.
open mike (2009) sowie Gewinner des Preises der taz-Publikumsjury
(für den Text "Peng. Peng. Peng. Peng"). 2012 erschien sein
Debütroman "Frühe Vögel", eine Familienchronik vor dem Hintergrund
der Geschichte der Luft- und Raumfahrtentwicklung.
Unter 44 Einreichungen entschied sich die Jury, bestehend aus Mag.
Valerie Besl (Literaturvermittlung, Agentur Vielseitig, Wien), Dr.
Daniela Bartens (Franz Nabl Institut für Literaturforschung der
Universität Graz) und Dr. Hannes Schweiger (Ludwig Boltzmann Institut
für Geschichte und Theorie der Biographie, Literaturarchiv der
Österreichischen Nationalbibliothek, Wien), den mit 4.000 Euro
dotierten Förderpreis des Landes und der Marktgemeinde Rauris an
Renate Silberers Text "Linie Linkshand sucht das Reh" zu vergeben.
Die Begründung: "Renate Silberers 'Linie Linkshand sucht das Reh'
ist die Suche nach einer Familiengeschichte, die aus nicht viel mehr
als aus Bruchstücken der Erinnerung und einigen wenigen Fotos
besteht. Die Vergangenheit soll zum Sprechen gebracht werden, doch
die Lebensgeschichten der fünf beschriebenen Generationen werden nur
in Momentaufnahmen sichtbar. Silberer besticht durch sparsam wie
präzise gesetzte Bilder und eine hoch poetische wie konzentrierte
Sprache. Mit einer stark rhythmisierten, syntaktisch offenen
Struktur, mit Wiederholungen und Aufzählungen, einer Inventarliste
gleich, macht sie deutlich, dass in der Erinnerung keine klare
Ordnung möglich ist. Vielmehr ist diese einzig als Knäuel von Fäden
fassbar, deren einzelne Stränge nur kurz erkennbar werden, bevor sie
sich wieder zu einem komplexen Ganzen verbinden. Diesen Prozess
nachzubilden und gleichzeitig Elemente einer ländlichen Opfer- und
Tätergeschichte in nuce sichtbar zu machen, gelingt der Autorin in
beeindruckender Weise."
Renate Silberer, geboren 1975 in Braunau am Inn, lebt in Linz und
Salzburg. Sie studierte Erziehungswissenschaften und Heilpädagogik
und arbeitete in sozialpsychiatrischen Einrichtungen sowie als
Feldenkrais-Lehrerin in freier Praxis. 2008/2009 nahm sie an der
Leondinger Akademie für Literatur teil. Sie schreibt Lyrik und Prosa
und erhielt die Talentförderungsprämie für Literatur des Landes
Oberösterreich 2011 sowie das Staatsstipendium für Literatur
2011/2012. Sie veröffentlichte in Zeitschriften (die Rampe, kolik,
DUM, erostepost) und Anthologien.
"Es ist kein Zufall, dass in beiden heute ausgezeichneten Texten
jeweils eine Familienchronik im Mittelpunkt steht", führte
Landeshauptfrau Burgstaller weiter aus. "In der Zeit des
Individualismus sind wieder die Fragen nach den eigenen Wurzeln von
besonderem Interesse. Das intensive Bemühen um die richtige Balance
zwischen gestern, heute und morgen stimmt zuversichtlich."
Bei den beiden Werken gehe es nicht um romantische Verklärung und
nicht um literarisch verbrämte Regression, sondern um bemerkenswerte
und lesenswerte Gegenwartsliteratur, so Burgstaller. "Es geht um
Literatur, die Lust auf die Auseinandersetzung mit Lebenswegen macht,
auch mit den eigenen Lebenswegen."
Es sei diese "sehr spezifische Idee des Individuums, fest gemacht
nicht zuletzt in der Literaturgattung der Biografie, die bis heute
wesentlich unseren Kulturkreis ausmacht. Im 21. Jahrhundert sind das
Individuum und der Individualismus mehr denn je Kult und zur
zeitgeistigen Ersatzreligion geworden. Ein Rettungsanker in diesem
haltlosen Treiben und Sich-treiben-Lassen kann auch die Kunst sein,
besonders die Literatur und hier die Gattung der Biograf, weil sich
dort menschliche und allzu menschliche Lebens- und Sinnentwürfe
anhand von konkreten Lebenswegen suchen und finden lassen - zum
Anhalten, zur Warnung und zum angeregten Nachdenken", so Burgstaller.
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