ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium: Ermüdung, Ablenkung und Krankheit sind häufige Unfallursachen

Knapp fünf Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle durch Übermüdung, Dunkelziffer liegt bei 30 Prozent

Wien (OTS) - Heute, 20. März 2013, veranstalteten ÖAMTC und ÄKVÖ (Ärztliche Kraftfahrvereinigung Österreichs) ein Symposium zu den Unfallursachen Ermüdung, Ablenkung und Krankheit.

Im Vorjahr kamen laut Bundesministerium für Inneres 522 Personen auf Österreichs Straßen ums Leben (vorläufige Zahl). Zwölf Prozent dieser tödlichen Verkehrsunfälle ereigneten sich aufgrund von Ablenkung, 4,9 Prozent aufgrund von Übermüdung und 4,1 Prozent sind auf Herz-/Kreislaufversagen oder akute Erkrankungen zurückzuführen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch wesentlich höher sein, insbesondere bei der Unfallursache Übermüdung. Experten gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle auf Übermüdung zurückzuführen sind. Beim heutigen ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium thematisierten Mediziner und Clubexperten psychologische, medizinische und rechtliche Aspekte dieser Unfallursachen.

Wolfgang Staffen (Facharzt für Neurologie) befasste sich in seinem Vortrag mit der Problematik, dass sich besonders auf Routinestrecken häufig Unfälle durch mangelnde Aufmerksamkeit und Müdigkeit ergeben. Er verwies auch auf die generelle Gefahr von Ablenkung und Übermüdung am Steuer: "Wer während der Fahrt telefoniert, produziert um 40 Prozent mehr Fahrfehler. Ein auf vier Stunden verkürzter Nachtschlaf bringt dieselbe Reaktionsverschlechterung wie 0,5 Promille Alkohol im Blut."

Marion Seidenberger (ÖAMTC-Verkehrspsychologin) und Gerhard Klösch (Vorstand des Instituts für Schlaf-Wach-Forschung) widmeten sich den Gefahren von nächtlichem Autofahren. In einer groß angelegten Studie haben der ÖAMTC, das Institut für Schlaf-Wach-Forschung und die ASFINAG nächtliches Fahrverhalten erforscht. Zwei Probanden-Gruppen absolvierten zwischen 2 und 4 Uhr nachts Testfahrten unter möglichst realistischen Fahrbedingungen. Eine Gruppe ("Napper") durfte eine Pause einlegen, die andere Gruppe ("Durchfahrer") musste die ganze Testzeit durchfahren. Bei allen Fahrern haben Bewegungen, die dazu dienen, sich wach zu halten (z.B. Gähnen, Augen reiben) mit der Fahrdauer kontinuierlich zugenommen. 63 Prozent der "Napper" sind während der Pause eingeschlafen. Eine Befragung ergab, dass sie danach das Gefühl hatten, die Müdigkeit abgebaut zu haben. Sie waren besserer Stimmung, was das Fahrverhalten positiv beeinflusste. Während der Testfahrt sind überraschend Verkehrszeichen jeweils für die Dauer weniger Fahrrunden an den Streckenrand gestellt worden. Mehr als 16 Prozent der "Durchfahrer" haben diese komplett übersehen. Ein Fehler, der in der Gruppe der "Napper" nicht passiert ist - ein eindrucksvoller Beweis für die Gefahr von Müdigkeit am Steuer. "Bei längeren Nachtfahrten kann es zu gefährlichen Wahrnehmungsproblemen kommen. Selbstüberschätzung ist dabei ein großes Problem, denn Anzeichen von Übermüdung werden oft ignoriert", weiß die ÖAMTC-Verkehrspsychologin.

Schlafstörungen steigern Risiko für Verkehrsunfälle enorm

Bernd Saletu (Facharzt für Psychiatrie und Neurologie) behandelte das Thema "Schlafstörungen und Tagesschläfrigkeit". Es gibt verschiedene Formen und Ursachen von Tagesschläfrigkeit:
nichtorganische (d.h. emotional bedingte) und organische Insomnien (Mangel an Schlaf), Hypersomnien (zu viel Schlaf), Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen (z.B. Schichtarbeitersyndrom, Jet Lag) und Parasomnien (mit Schlaf einhergehende Funktionsstörungen, z.B. Schlafwandeln, Alpträume, Zähneknirschen). "Eine exakte Diagnose mittels subjektiver und objektiver Messverfahren ist von entscheidender Bedeutung für die Auswahl psychotherapeutischer, somatischer oder medikamentöser Behandlungsverfahren", erklärte der Facharzt. Eine besonders häufige Schlaferkrankung ist das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom. Betroffene leiden an Atemstillständen während des Schlafs. Es kommt zu Tagesmüdigkeit und Tagesschläfrigkeit, wodurch die Leistungsfähigkeit stark abnimmt. "Das Risiko für Verkehrsunfälle ist bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe drei bis sieben Mal höher", so Saletu.

Gerhard Blümel (Leiter der Berufsfahrer Akademie der ÖAMTC Fahrtechnik) schilderte das Problem "Übermüdung am Steuer" aus der Sicht von Berufsfahrern. "Es wird erwartet, dass Berufsfahrer 24 Stunden am Tag fehlerfrei agieren. Dabei haben sie oft große Fahrdistanzen zu bewältigen, meist zu ungünstigen Dienstzeiten", so Blümel. Monotone Strecken führen rasch zu Müdigkeit am Steuer. Diese macht sich u.a. durch folgende Anzeichen bemerkbar: Gähnen, häufiges Augenzwinkern, Blendempfindlichkeit. Es kommt zu Schwierigkeiten beim Spurhalten, zu dichtem Auffahren, häufigem Verschalten und verlangsamter Reaktion. Um Ermüdung am Steuer zu vermeiden, sollte vor einer Fahrt so viel wie möglich geschlafen werden (etwa acht Stunden). Außerdem rät Blümel zu regelmäßigen Pausen (alle zwei Stunden etwa 15 Minuten). Bei ersten Anzeichen von Müdigkeit ist umgehend der Abstand zu vergrößern und das Tempo zu verringern. Anschließend ist eine kurze Schlafpause von 20 bis 30 Minuten zu empfehlen, um wieder ausgeruht weiterfahren zu können. Eine wichtige Rolle zur Verhinderung von Unfällen durch Übermüdung kommt laut Blümel Assistenzsystemen zu. So warnen beispielsweise Fahrerwarnsysteme bei verdächtigem Spurverhalten durch Blinklicht und ein akustisches Signal vor Ermüdung und Unachtsamkeit.

Müdigkeit ist schwer messbar - Polizei hat nur wenig Handhabe

Klaus Scherleitner (Landespolizeikommando OÖ) sprach über die Herausforderung der polizeilichen Überwachung der Fahrtauglichkeit in Bezug auf Müdigkeit und Ablenkung im Straßenverkehr. Insbesondere die Quantifizierung der Müdigkeit ist problematisch. Während bei Beeinträchtigungen von Fahrzeuglenkern durch Alkohol, Suchtgift und Medikamente und bei der Ablenkung in Teilbereichen praktikable gesetzliche Bestimmungen existieren, ist es bei der Übermüdung umso schwieriger, polizeilich vorbeugend aktiv zu werden. Das Führerscheingesetz lässt viel Interpretationsspielraum zu. Einen Lösungsansatz sieht Scherleitner im Pupillomat, einem Alkomat für müde Lenker. Das für Straßenkontrollen taugliche Untersuchungsgerät gibt Auskunft über den Grad der Müdigkeit. 2005/2006 wurde es in Oberösterreich bei Berufskraftfahrern getestet. Bei der Untersuchung wurde die Pupille vermessen. Als Maß für die Müdigkeit wurde der relative Pupillenunruheindex ermittelt. Bei der Versuchsreihe wurden 20 Prozent der Lenker als übermüdet, 30 Prozent als kontrollbedürftig und 50 Prozent als normal bzw. fahrtauglich eingestuft.

Martin Hoffer (ÖAMTC-Chefjurist) erläuterte verkehrsrechtliche Aspekte von Übermüdung, Ablenkung und Reaktionsverzögerung. Laut Straßenverkehrsordnung bzw. Kraftfahrgesetz darf ein Fahrzeug nur gelenkt werden, wenn man die dementsprechende körperliche Eignung und geistige Aufmerksamkeit aufweist und frei von persönlichen Beeinträchtigungen wie etwa Müdigkeit, Ablenkung und Krankheit ist. Theoretisch können Verwaltungsstrafen von bis zu 726 Euro verhängt werden. Die Polizei kann auch die Weiterfahrt unterbinden. Bei einem Unfall mit Personenschaden kann es zu strafrechtlichen Sanktionen kommen. Hoffer thematisierte auch versicherungsrechtliche Folgen:
"Die Leistung der Haftpflichtversicherung steht außer Zweifel. Ob bei durch Ablenkung, Müdigkeit oder Krankheit verursachten Unfällen die Kaskoversicherung wegen grober Fahrlässigkeit aussteigen kann, liegt an den Umständen des Einzelfalles." Zur Vermeidung von Ablenkung plädierte der ÖAMTC-Chefjurist für eine bessere Straßenraumgestaltung: "Ablenkung durch Werbung muss reduziert werden, ebenso ist der auf Österreichs Straßen vorherrschende Schilderwald einzudämmen. Vor allem sollten auch Ablenkungen im eigenen Fahrzeug vermieden werden."

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