- 12.03.2013, 18:23:15
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Wiener Charme"
Ausgabe vom 13. März 2013
Utl.: Ausgabe vom 13. März 2013 =
Wien (OTS) - Der Kabarettist Alfred Dorfer hat einmal den Wiener
Charakter sinngemäß beschrieben als wunderbar perfekte Symbiose der
beiden Begriffe Konsens und Paralyse. Tatsächlich hat das klare Nein
zur Olympia-Bewerbung etwas zutiefst Provinzielles. Baustellen,
Verkehrschaos, großes Geldausgeben - all diese Dinge mögen wir nicht,
haben sich ganz offensichtlich viele gedacht.
Ob diese stimmungstechnische Grundierung für die rot-grüne Wiener
Stadtregierung zu drehen gewesen wäre, ist müßig zu fragen. Es lohnt
sich aber ein Blick nach München. Die bayerische Hauptstadt will 2022
die Winterspiele ausrichten, im November wird es auch dort ein
Plebiszit darüber geben. Der Bürgermeister der Stadt, der
Sozialdemokrat Christian Ude, hat dafür mit allen betroffenen
Sportorganisationen (inklusive Alpenverein) ein Lobbying-Büro
eröffnet. In den kommenden Monaten soll auf diese Weise und mit
vereinten Kräften den Münchnern ein Ja zur Olympia-Bewerbung
schmackhaft gemacht werden.
Nun mag ja stimmen, dass sich die Deutschen grundsätzlich gründlicher
auf alles Mögliche vorbereiten, aber das hätte Wien und das
Österreichische Olympische Comité auch zusammengebracht. Tatsächlich
stolperten wohl viele Bürger in Wien eher unvorbereitet in die
Volksbefragung. Es gab zwar Informationsmaterial, aber das musste man
sich selbst besorgen. In München wird es offenbar mund- und
fristgerecht vorbereitet und unter die Leute gebracht.
Nicht nur die Stadtregierung muss sich also fragen lassen, ob genug
gemacht wurde, um die Wiener auf eine Olympia-Bewerbung einzustimmen.
Auch die Sportverbände und das Olympische Comité waren dabei nicht
gerade deutlich zu erkennen.
Eine positive Interpretation auf das Ergebnis der Befragung lautet
daher: Die Skandale der Vergangenheit haben die Wiener misstrauisch
gemacht (das fällt ihnen eh leicht). Da der prototypische Wiener
natürlich davon ausgegangen wäre, dass die Bewerbung erfolgreich sein
würde, wären die veranschlagten Kosten für die Großprojekte locker
verdoppelt worden - siehe Flughafen.
Sehen wir es also positiv: Das Nein zu Olympia verhindert womöglich
künftige Steuererhöhungen oder Sparpakete. Aber ob diese
Interpretation wirklich stimmt?
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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