Machtspiele um Tegel Leitartikel von Christine Richter über den ersten Auftritt von Hartmut Mehdorn als Flughafenchef des BER

Berlin (ots) - Er hat es getan: Der neue Chef des Hauptstadtflughafens BER, Hartmut Mehdorn, hat sich gleich am ersten Arbeitstag in seiner neuen Funktion Freunde und Feinde gemacht. Mehdorn erklärte nämlich im Sonderausschuss des brandenburgischen Landtags zum BER-Debakel, dass man über die Schließung des Flughafens Tegel nachdenken müsse. Charterflüge von Tegel aus, so der 70-Jährige am Montag, was sei denn so schlimm daran? Und nachts würden die auch nicht fliegen, sagte Mehdorn. Was für ein Arbeitsbeginn.

Mehdorn, der bis vor Kurzem Chef der Fluglinie Air Berlin war, kennt sich an den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld (alt) gut aus. Er hat also nicht einfach so dahergequatscht, sondern diese Kursänderung ganz bewusst vollzogen. Das sieht man auch an seiner Antwort, als die überraschten Abgeordneten zu Tegel nachfragten: "Schlauer werden ist ja nicht verboten", meinte Mehdorn selbstbewusst. Vielen Berlinern spricht er damit aus der Seele, denn der übersichtliche, gut zu erreichende Flughafen in Tegel ist beliebt. Kurze Wege vom Auto, Bus oder Taxi zum Check-in, zum Gate und Flugzeug selbst. Verlaufen kann man sich in Tegel auch nicht. Außerdem ist der Airport für viele Berliner sehr viel rascher zu erreichen als der künftige Hauptstadtflughafen BER im Süden Berlins. In den vergangenen Monaten, als die Inbetriebnahme des BER immer wieder verschoben werden musste, hat sich die Zahl der Tegel-Fans noch deutlich erhöht. Dort funktioniert ja alles, trotz der großen Zahl der Passagiere, trotz des Gedränges.

Für die Flughafengesellschaft jedoch bedeutet die Mehdorn-Äußerung die nächste Belastungsprobe. Denn der neue Airport-Chef hat mit seinem Wunsch, Tegel offen zu halten, en passant die Geschäftsvereinbarung für den BER infrage gestellt. Nach dem Planfeststellungsbeschluss muss Tegel ein halbes Jahr nach der Inbetriebnahme des BER vom Netz gehen, so ist es fixiert und gerichtlich bestätigt worden. So sehen es auch die Gesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund. Sie haben kein Interesse daran, den Streit über Tempelhof jetzt in Tegel zu wiederholen. Die Schlacht um das Offenhalten des innerstädtischen Airports in Tempelhof hat vor fünf, sechs Jahren viele Wunden geschlagen, das ist noch nicht vergessen.

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft ist, ist Mehdorn offenbar ein Vorbild. Denn Platzeck stellte vor zwei Wochen selbst die Vereinbarungen zum BER infrage, indem er sich für ein längeres Nachtflugverbot aussprach - gegen den Willen von Berlin und Bund. In diesem Punkt widersprach Mehdorn Platzeck am Montag zwar öffentlich. Doch angesichts des Streits über das Nachtflugverbot, angesichts Mehdorns Tegel-Wünschen stellt sich schon an dessen ersten Arbeitstag die Frage: Weiß Platzeck eigentlich, wen er da geholt hat? Haben die beiden überhaupt mal über die Grundlagen des BER gesprochen? Mehr noch: Wer hat eigentlich das Sagen am BER? Für öffentliche Machtspiele und plötzliche Kurswechsel ist die Lage am BER viel zu ernst.

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