Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Populisten des Marktes"

Ausgabe vom 5. März 2013

Wien (OTS) - 520 Millionen Menschen auf dem Globus (von insgesamt 7,12 Milliarden) bilden die "gehobene Vermögensschicht", darunter viele Haushalte in Österreich. Schön, wenn man zu den 1426 Superreichen gehört, die 0,00002 Prozent der Weltbevölkerung stellen, aber etwa 4 Prozent des Welt-Reichtums auf sich vereinen. Das Magazin "Forbes", das es zwar anders meint, listet jedes Jahr mit seiner Milliardär-Zählung die ungleiche Verteilung des Reichtums sehr schön auf.

Abseits des Seitenblicke-Faktors derartiger Aufzählungen stellt sich freilich eine Frage.

Eine erkleckliche Anzahl der Superreichen sind Manager von Hedgefonds und Besitzer von Investmentgesellschaften. Sie konnten sich 2012 über eine schöne Steigerung ihrer Vermögenswerte freuen, weil die Märkte gut waren - so die Begründung.

Nun ist es erfreulich, wenn Märkte gut sind, aber ein Blick dahinter macht die Sache eher mittelgut. Hedgefonds-Manager verdienten 2012 an der Euro-Krise hervorragend. Nehmen wir als Beispiel Italien. Das Land musste 2012 relativ viel für den Zinsendienst seiner Anleihen bezahlen. Das ist gut für Hedgefonds-Manager, aber insgesamt schlecht für die italienische Bevölkerung. Das Geld fehlt in Ausbildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur jeglicher Art. Die Folge: Die Arbeitslosigkeit steigt und steigt.

Weitere Folge: Beppe Grillo geht als Sieger aus den Wahlen hervor. Vergleichbares ist in anderen Ländern Europas zu beobachten, die Populisten gewinnen. Es könnte also sein, dass mit den Milliardären die Populisten auf der politischen Seite immer mehr werden. "Forbes" würde demnach die Populisten des Marktes auflisten. Das ist natürlich nicht verallgemeinernd zu verwenden. Unter den Superreichen sind viele Unternehmer, die Weltkonzerne geschaffen haben und Abertausenden Arbeit geben.

Trotzdem gibt es diese Korrelation. Allein schon die Tatsache, dass die Bezeichnung "politisches Establishment" zum Schimpfwort verkommt, stützt die These. Bei aller Kritik, was ist so schlimm an SPÖ und ÖVP? Österreich ist reich geworden mit diesen beiden Parteien.

Aber nun ist irgendetwas ins Rutschen gekommen, die soziale Balance stimmt nicht mehr, die Vermögen verteilen sich immer ungleicher. Das politische Establishment sollte also hoffen, dass "Forbes" im kommenden Jahr weniger als 1426 Superreiche zählt.

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