"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Schuldenpolitik wird von der Realität eingeholt" (Von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 2.3.2013

Graz (OTS) - Irgendwann steht jeder Schuldner an dem Punkt, wo es nicht mehr weitergeht. Diesen Punkt haben die USA in der Nacht auf den heutigen Samstag erreicht. Weil alle Anläufe zur gütlichen Schuldenregulierung gescheitert sind, tritt nun ein Zwangssparpaket mit drakonischen Ausgabenkürzungen in Kraft.

Diese Finanzkeule hatte der US-Kongress im Jahr 2011 beschlossen -gewissermaßen als selbst gewähltes Damoklesschwert. Freilich war es nur als Drohkulisse zur Erhöhung der Kompromissfähigkeit gedacht. Dass das Schwert tatsächlich fällt, war nie vorgesehen.

Doch jetzt ist es so weit, und die Wirkungen reichen weit über die USA hinaus. Das Ho-ruck-Zwangssparen der Amerikaner hat beträchtliches Drohpotenzial für die Weltwirtschaft. Betroffen sind vorrangig wir Europäer in der sowieso angeschlagenen Euro-Zone. Denn eigentlich wäre den USA für 2013 die Rolle als Konjunkturmotor der westlichen Welt zugedacht gewesen. Zwei Prozent Wachstum waren vorhergesagt, für 2014 erwarteten manche Analysten sogar plus 2,7 Prozent in den USA.

Diese Dynamik kann man sich jetzt abschminken, denn die Einschnitte im US-Haushalt sind denkbar brutal. Heuer werden bis September 85 Milliarden Dollar eingespart, in Summe sollen binnen zehn Jahren um 1200 Milliarden Dollar weniger fließen. Mehrere 100.000 US-Jobs sind bedroht.

Zwar kann das Programm jederzeit gestoppt werden, falls man sich doch noch einigt. Aber die Wahrheit, dass die USA auf Pump leben, lässt sich nicht mehr ausblenden. Fast muss man froh sein, dass jetzt Schluss mit dem ewigen Lavieren und Kopf-in-den-Sand-Stecken ist. Seit Jahren schon wandeln die Amerikaner am finanziellen Abgrund. Nur gab es keinen Anreiz zur Disziplin, weil die Notenbank willig das Papier bedruckte und die Kontrollore wegschauten.

Speziell die Rating-Agenturen haben wieder versagt. Während sie europäische Schuldenstaaten regelmäßig abstrafen, sahen sie über den Umstand großmütig hinweg, dass die USA einen Schuldenberg von mehr als 100 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung angehäuft haben. Zwei der drei großen Agenturen halten unverdrossen am "Triple A" fest.

Die US-Misere taugt als Warnlicht für Europa: Wer es versäumt, seine Schulden aktiv zu managen, dem fällt die Last irgendwann auf den Kopf. Und dann können die Schäden unkalkulierbar werden. Wir Bürger sollten daran denken, wenn ein Wahlkampf wieder einmal hemmungslos zum Schaulaufen der Berufsversprecher ausartet.****

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