Verbot der bienengefährlichen Neonicotinoide notwendig für Fortbestand der Bienen

GLOBAL 2000 übt scharfe Kritik an Berlakovich. Einfluss der Chemischen Industrie muss begrenzt werden.

Wien (OTS) - Die überraschende Vertagung des für gestern angekündigten Votums über ein von der EU-Kommission vorgeschlagenes Anwendungsverbot von Pestiziden aus der Gruppe der Neonicotinoide für Mais, Raps, Sonnenblumen und Baumwolle ist angesichts des fortschreitenden Bienensterbens in Europa ein ökologisches Drama. Zudem drängt sich die Frage nach den Hintergründen der Verschiebung auf.

Dr. Helmut Burtscher, Umweltchemiker bei GLOBAL 2000, stellt fest:
"Pestizidwirkstoffe dürfen laut EU-Verordnung keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Nutztieren haben. Deshalb war die Forderung nach einem Verbot die einzig mögliche Reaktion der Kommission auf die zuvor von der Zulassungsbehörde EFSA veröffentlichte Stellungnahme, wonach zahlreiche Anwendungen von Neonicotinoiden ein für Bienen nicht akzeptables Risiko darstellen."

Neonicotinoide sind die weltweit am häufigsten angewendeten Insektizide, mit einem Jahresumsatz von insgesamt über 1,5 Milliarden Euro. Konzerne wie Bayer und Syngenta kündigten im Falle eines Verbots umgehend Klagen an und präsentierten eine Studie, wonach eine solche Entscheidung 50.000 Arbeitsplätze und 17 Milliarden Euro kosten würde. "Es scheint weit verbreitete Praxis zu sein, dass Chemiekonzerne versuchen, mithilfe von gerichtlichen Klagen wissenschaftlich fundierte Entscheidungen zum Schutz von Mensch und Umwelt auszuhebeln. Ein im Vorjahr publizierter Report des Pesticide Action Networks Europe hat gezeigt, dass Pestizidhersteller in den vergangenen Jahren mehr als sechzig Mal gerichtlich gegen negative Zulassungsbescheide der EU vorgegangen sind. Dass eine Vielzahl von Pestiziden, die wegen mangelnder Daten über deren gesundheitliche und ökologische Unbedenklichkeit eigentlich keine Zulassung mehr haben dürften, immer noch am europäischen Markt verfügbar sind, kann als Erfolg dieser Klagspraxis interpretiert werden", erklärt Burtscher.

Die ersten Berichte von Imkern über großflächige Bienenschäden durch Neonicotinoide gab es bereits 1994 in Frankreich. Chemische Industrie und Landwirtschaft stritten von Beginn an einen möglichen Zusammenhang ihrer Pestizide mit dem Bienensterben mit der Begründung ab, dass diese Mittel von der EFSA als "unbedenklich für Bienen" eingestuft seien, und machten stattdessen Bienenkrankheiten wie die Varoa-Milbe für das zunehmende Bienensterben verantwortlich. Roland Netter, Imker aus Strengberg in Niederösterreich, führt aus: "Mit dem insektizidgebeizten Maissaatgut ging es bei uns im Jahr 2009 so richtig los. Seither sterben mir Jahr für Jahr ganze Bienenvölker weg. In den Jahren davor hatte ich diese Probleme nicht - und eine derartig drastische Auswirkung der Varoa-Milbe halte ich für ausgeschlossen." Anton Reitinger, Imkermeister aus Oberösterreich, ergänzt: "Diese Neonicotinoide werden von den Pflanzen systemisch aufgenommen, durchdringen sie komplett und gelangen so auch in Pollen und Nektar. Das macht diese Wirkstoffe so gefährlich. Indem die Bienen den Pollen einsammeln, tragen sie auch kleinste Mengen dieser Nervengifte in den Bienenstock, wo sie dann das Bienenvolk in seiner Gesamtheit schädigen und anfällig für Krankheiten aller Art machen." DI Dr. Stefan Mandl, Bio-Imker und Bienenforscher, der rund 6.000 Bienenvölker betreut, kann das nur bestätigen: "Fatal ist, dass diese Nervengifte, wie neue Forschungsergebnisse gezeigt haben, einerseits irreversibel wirken und andererseits sich nur äußerst langsam abbauen. Jahr für Jahr gelangen diese Gifte tonnenweise in die Natur und reichern sich im Boden und im Wasser an. Deshalb ist es so wichtig, dass Europa ein sofortiges Aus für die Neonicotinoide beschließt und Österreich hier mit gutem Beispiel voran geht."

Umweltminister Nikolaus Berlakovich ließ vergangene Woche auf die Frage nach der österreichischen Position zum Kommissionsvorschlag ausrichten, dass für eine abschließende Bewertung der Risiken für Bienen noch nicht ausreichend Daten vorhanden seien und in Österreich ohnehin nur in 0,38 Prozent der Bienenvölker Schädigungen durch insektizidgebeiztes Saatgut nachgewiesen worden seien. Helmut Burtscher ist entsetzt: "Die erste Aussage aus dem Ministerbüro gibt zu hundert Prozent die Argumentation der Chemiekonzerne wieder. Die zweite Aussage ist die Wiederholung eines von Vertretern der Landwirtschaftskammern und der AGES oftmals getätigten Versuchs, das Bienensterben durch unzulässige Zahlenspielereien klein zu rechnen:
Es seien von den 367.000 Bienenvölkern in Österreich ja nur bei ca. 0,38% Schädigungen durch insektizid-gebeiztes Saatgut nachgewiesen worden. Diese Rechnung ist irreführend und nicht zulässig, da im MELISSA-Projekt nicht die Gesamtzahl der Völker untersucht worden ist, sondern lediglich ein Bruchteil davon." Tatsächlich bestanden mehr als die Hälfte der untersuchten Proben aus geschädigten Bienen sowie Bienenbrot und Pollen, die positiv auf Neonicotinoide getestet wurden. "Bleibt nur die Hoffnung, dass diese skandalösen Aussagen nicht die tatsächliche Überzeugung des Landwirtschaftsministers widerspiegeln, sondern Herr Berlakovich bislang nur auf die falschen Einflüsterer gehört hat", meint Burtscher.

Eine zweite mögliche Erklärung für diese Aussagen wäre allerdings, dass der Landwirtschaftsminister den Schutz der Bienen nicht als dringlich ansieht, da er jene Sichtweise teilt, die ein leitender Beamter der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES erst kürzlich in einer Podiumsdiskussion von sich gab: Bienen und andere Bestäuber seien nicht notwendig, in der Schublade lägen bereits selbstbestäubende Pflanzen, die eine Ernährungssicherheit garantieren.

GLOBAL 2000 fordert Minister Berlakovich dringend auf, Klarheit bezüglich obiger Aussagen zu schaffen und sich voll und ganz hinter die von der EU-Kommission geforderten Verbote der bienengiftigen Neonicotinoide zu stellen.

Zum Thema "sichtbarer Zusammenhang von AGES und Bayer bzw. Syngenta" siehe auch
http://www.global2000.at/site/de/nachrichten/pestizide/infoblaetter/a
rticle-infoschreiben.htm

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