"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Aufstand der Bulgaren muss zum Weckruf werden" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 21.02.2013

Graz (OTS) - Spaniens Rekordschulden, griechische Misere, Krisenpolitik in Italien: Die angeschlagenen Euro-Länder haben die Aufmerksamkeit der Weltpresse und die Bemühungen der europäischen Polit-Elite auf sich gezogen. Zu verdanken hatten sie dies dabei nur zum geringeren Teil der Anteilnahme an der dramatisch gestiegenen Jugendarbeitslosigkeit, sondern vor allem der Sorge der Europäer um die gemeinsame Währung.

Weitgehend unbemerkt sind unterdessen die Nicht-Euro-Länder im Südosten Europas verarmt. Der Wunsch, die Länder der Region würden nach dem Ende des Kommunismus und nach den blutigen Kriegen der 90-er Jahre zum Rest des Kontinents aufschließen, haben sich vorerst leider nicht erfüllt. Eine Zeit lang gab es fast überall ein hübsches Wachstum, das die Lebenssituation der Menschen verbesserte. Doch dann kam die globale Krise, sie traf die weiterhin strukturschwachen Länder Südosteuropas mit voller Wucht.

Auch die beiden EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien kamen der Krise bis heute nicht aus. Seit elf Tagen erleben die Bulgaren die heftigsten und größten Proteste seit mehr als 15 Jahren. Der Zorn richtet sich gegen die ausländischen Stromversorger, darunter die niederösterreichische EVN, und die Regierung, die gemeinsam die zuletzt stark gestiegenen Strompreise aushandeln.

Bulgarien ist das ärmste Land der Europäischen Union. Die Arbeitslosigkeit ist nach offiziellen Angaben 2012 auf 12,4 Prozent gestiegen, inoffiziell soll sie weit darüber liegen. Jeder fünfte Bulgare lebt mit weniger als umgerechnet 110 Euro pro Kopf und Monat unter der Armutsgrenze. Bei einem Durchschnittsgehalt von 300 Euro geht die Hälfte bereits für die Stromrechnung auf. Der Sparkurs, den der am Dienstag zurückgetretene Finanzminister dem Land verordnete, hat die Mittelklasse aufgerieben.

Die Stromrevolten, die nun zum Rücktritt der Regierung führten, sind Ausdruck der Verzweiflung der Bevölkerung über ein System, das die Altlasten der KP-Zeit noch nicht überwunden hat und dem trotz EU-Beitritt die Widerstandskraft fehlt, um in einer globalisierten Wirtschaft zu bestehen. Das politische Personal ist Reformen und Korruptionsbekämpfung weiter mäßig zugeneigt.

Auf einen Krisen-Gipfel zur Rettung Südosteuropas warten die Bulgaren vorerst vergeblich. Ganz offensichtlich haben die bisherigen Konzepte Brüssels nicht erreicht, was man sich wünschte. Doch auf eine Hungerrevolte sollte Europa nicht warten. Bleibt zu hoffen, dass der Aufstand der Bulgaren nun zum Weckruf wird.****

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