"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Wir und das Steuerrad" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe: 17.02.2013

Graz (OTS) - Die ereignisreiche Woche lud ein, über gelebte Verantwortung nachzudenken.

Es war in diesem noch jungen Jahr die vielleicht intensivste Woche. Drei Geschehnisse von unterschiedlicher Dimension haben sie emotional geprägt: das Rücktritts-Aviso des Papstes, die Schi-WM in Schladming und der Großbetrug in der Nahrungsindustrie. Alle drei haben wenig gemein, und doch laden sie ein zum Nachdenken über Verantwortung und darüber, wie sie gelebt wird, oben wie auf der Ebene des Einzelnen.

Beginnen wir dort. Es gibt die Verantwortung des Erzeugers und die des Konsumenten. Essen ist Kultur. Der Einzelne definiert sie. Er trägt Verantwortung für sich, aber auch den Sog im Markt. Der Skandal offenbart die Wechselwirkung zwischen verlotterten Sitten industrieller Produktion und verlotterten Sitten der Verbraucher.

Ein verblüffendes, berührendes Beispiel wahrgenommener Verantwortung gab der Papst. Die Art und Weise, wie das Kirchenoberhaupt das vorzeitige Abgeben des Amtes begründete, wurde zu Recht als souveräner Akt des Verzichts gewürdigt. Hier brach einer mit einer jahrhundertealten Gepflogenheit, dem lebenslangen Festhalten am Amt, und zeigte Stärke, indem er Schwäche einbekannte. Die Welt werde durch Umbrüche hin und her geworfen, das Steuerrad möge kraftvolleren Händen überantwortet werden. Benedikt XVI hat mit diesem kühnen Schritt nicht nur das Papstamt vermenschlicht, er hat ein Zeichen gesetzt, das über die Kirche hinausstrahlt, hinein in die Karrieristen-Milieus von Wirtschaft und Politik. Machtverzicht zugunsten eines größeren Ganzen, das Eingestehen eigener Unzulänglichkeiten ("Ich bitte um Verzeihung für alle meine Fehler"):

Von welchem Manager, von welchem Politiker hat man je solche Worte gehört?

Spurenelemente von Selbstbescheidung, wir wechseln ein letztes Mal die Ebene, hätte man gerne auch von den Spitzen des Schi-Verbandes vernommen. Das Auseinanderklaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit hätte ohne Trübung des Festes Anlass geboten, Fragen zu strukturellen und methodischen Defiziten in der Elite-Bildung zuzulassen.

Der Umgang mit Kritik war mitunter herrisch und ließ Grandezza vermissen. Davon abgesehen war die WM ein professionell in Szene gesetztes Kräftemessen auf hohem Niveau. Das Publikum verbat sich chauvinistischen Überschwang und würdigte die Leistungen aller. Bisweilen litt das Spektakel an sich selbst, am Zuviel. Der eine oder andere Superlativ weniger hätte der Veranstaltung gut getan. Sie hätte dann nicht dem hohen Ton hinterherhecheln müssen. Die größte und herzlichste WM wäre dann einfach nur schön und herzlich gewesen. Das war sie. Es hätte genügt. ****

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