• 14.02.2013, 14:44:47
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Umweltfaktoren als Hauptursache: Massiver Anstieg von chronisch entzündlichen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Im Bild v.l.n.r.: Dr. Marco Greco - EFCCA
Präsident, Professor Dr. Séverine Vermeire - Präsident-elect ECCO,
Dr. Tine Jess - National Center for Health Data and Disease Control,
Copenhagen/Denmark, Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch - MedUni Wien,
Mr. Daniel Sundstein - IBD Patient, Dänemark

Wien (OTS) - In den vergangenen fünf Jahrzehnten sind chronisch
entzündliche Erkrankungen in den Industriestaaten um das zehn- bis
15fache angestiegen. Noch erschreckender ist die Tatsache, dass vor
allem Kinder und Jugendliche verstärkt betroffen sind. Zu den
chronisch entzündlichen Erkrankungen zählen unter anderem Asthma,
Diabetes Mellitus Type 1, Multiple Sklerose sowie die Gruppe der
chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Die European Crohn's
and Colitis Organisation (ECCO) und die European Federation of
Crohn's and Ulcerative Colitis Associations (EFCCA) fordern im Rahmen
des jährlichen, internationalen ECCO-Kongresses am 13. und 14.
Februar 2013 in Wien, ein verstärktes Wahrnehmen dieser
besorgniserregenden Entwicklung und rufen zum gemeinsamen
Gegensteuern auf.

"Nur ein geringer Teil der Erkrankungen kann auf eine genetische
Veranlagung zurückgeführt werden. Die Hauptursachen für chronisch
entzündliche Erkrankungen scheinen in belastenden Umweltfaktoren zu
liegen", warnt Univ.-Prof. Dr. Walter Reinisch vom Allgemeinen
Krankenhaus der Stadt Wien (AKH) - Medizinische Universität Wien.
Unausgewogene Ernährung, Medikamente wie Antibiotika, Rauchen,
Stress, Lebensstil und Lebensumfeld in den Städten sowie übertriebene
Hygiene scheinen jene Faktoren zu sein, welche die Entwicklung von
chronisch entzündlichen Erkrankungen fördern können.

Reinisch: "Den chronisch entzündlichen Erkrankungen liegt zumeist
eine genetische Anlage, in Form von genetischen Varianten
(Polymorphismen) zugrunde. Bei chronisch entzündlichen
Darmerkrankungen wurden beispielsweise über 150 verschiedene
genetische Polymorphismen beschrieben, die teilweise auch bei
rheumatischer Arthritis oder bei Schuppenflechte beschrieben werden.
Diese genetischen Polymorphismen bestehen wahrscheinlich seit
Jahrhunderten oder bereits seit Jahrtausenden und es ist anzunehmen,
dass sie in der Vergangenheit für ihre Träger gesundheitliche
Vorteile mit sich brachten. Doch in Verbindung mit unseren
gegenwärtigen Umweltfaktoren tragen diese auch das Risiko für
chronisch entzündliche Erkrankungen."

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen: Nur die Spitze des
Eisbergs

Der Darmtrakt bildet die größte Oberfläche in unserem Körper und
ist deshalb besonders anfällig gegenüber Umwelteinflüssen. Es wurde
aufgezeigt, dass Rauchen, die Einnahme von Antibiotika oder die
Zusammensetzung unserer Ernährung das Mikrobiom des Darms
möglicherweise irreversibel verändern. "Das Darm-Mikrobiom weist auch
bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
Veränderungen auf. Kürzlich wurde wiederholt über Zusammenhänge
berichtet, welche belegen, dass die Einnahme von Antibiotika während
der Kindheit mit einem erhöhten Risiko, später an Morbus Crohn zu
erkranken, einhergeht", sagt Reinisch. "Chronisch entzündliche
Darmerkrankungen sind wohl nur der Gipfel eines Eisberges, der uns
aufzeigt, wie die Darmflora auf ein Minimum ihrer Vielfalt und
Reichhaltigkeit reduziert wird. Veränderungen in der Darmflora wurden
auch mit anderen chronisch entzündlichen Erkrankungen wie
rheumatische Arthritis oder Multiple Sklerose in Zusammenhang
gebracht", berichtet Reinisch.

Die neue ECCO-EpiCom Studie zeigt die Belastungen durch CED in
Europa

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) wirken sich bei
Patienten auf alle Lebensbereiche aus und verursachen massive Kosten
für das Gesundheitssystem ebenso wie für die Gesamtgesellschaft. Die
Krankheit kann nicht "geheilt" werden. "Neue epidemologische Daten
zeigen auf, dass die Häufigkeit und Verbreitung von CED steigen", so
Dr. Tine Jess vom National Health Surveillance and Research, Statems
Serum Institut, Dänemark. Die Verbreitung von CED (Colitis ulcerosa
und Morbus Crohn) ist bei dänischen Kindern in den vergangenen neun
Jahren um nahezu 50 Prozent angestiegen. Zahlen aus Schottland,
Irland und Spanien bestätigen diesen Trend, dort hat sich die Zahl
der Kinder mit Morbus Crohn seit 1996 verdreifacht. Geschätzte 2,5
bis 3 Millionen Menschen sind in Europa von CED betroffen, die
direkten Gesundheitskosten dafür liegen bei 4,6 bis 5,6 Milliarden
Euro pro Jahr.

Jess: "Im Epidemiologischen Komitee der ECCO erachteten wir diese
Studie mit umfassenden Analysen als dringend erforderlich, um
europäischen Patienten, Medizinern und Politikern fundierte
Informationen über die Belastungen von CED in Europa geben zu können.
Sie enthält Daten über den Krankheitsverlauf, das Risiko bezüglich
Operationen und Krankenhausaufenthalten, Krebs- und
Sterblichkeitsrisiken, ebenso wie die wirtschaftlichen Aspekte, die
Beeinträchtigungen der Patienten im Alltag und in der Arbeitswelt."

Am häufigsten treten chronisch entzündliche Darmerkrankungen in
hoch entwickelten Ländern wie z.B. in Europa auf. Vor allem
Nordeuropa ist stark betroffen, doch auch in Süd- und Osteuropa sind
die Erkrankungen ansteigend. Die meisten europäischen CED-Patienten
erfahren einen Krankheitsverlauf mit häufigen Schüben, 20 bis 25
Prozent der Patienten leiden an ständigen, also chronischen
Symptomen. Bei bis zu 30 bis 40 Prozent der europäischen Morbus Crohn
Patienten sind Komplikationen, wie Darmverengungen oder Fisteln, also
Verbindungen zu anderen Organen oder Hautoberfläche, bereits bei der
Diagnose vorhanden. Bei einer ähnlich hohen Anzahl von Patienten
entwickeln sich während der kommenden zehn bis 15 Jahre ab Diagnose
Komplikationen im Krankheitsverlauf, so das Resultat der neuen
ECCO-Studie.

Krankenhausaufenthalte und Operationsraten

53 Prozent aller Morbus Crohn Patienten benötigen innerhalb von
zehn Jahren nach Diagnose eine stationäre Aufnahme in einem
Krankenhaus. Am höchsten ist diese Rate in Dänemark, Irland,
Portugal, etwas geringer in Norwegen, Griechenland und Italien. Der
Hospitalisierungsbedarf für Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa
reflektiert nicht nur den Schweregrad der Erkrankung sondern auch den
Bedarf nach verbesserter Diagnostik und Gesundheitsversorgung sowie
eine Verbesserung im Rückerstattungssystem der Krankenkassen. Die
allgemeinen Raten bei Operationen und Mehrfachoperationen bei Morbus
Crohn sind in Europa nach wie vor hoch, 30 bis 50 Prozent der
Patienten benötigen operative Eingriffe und bis zu 20 Prozent
erfahren einen weiteren Eingriff innerhalb von fünf bis zehn Jahren.

Arbeitsausfälle und volkswirtschaftliche Belastungen durch CED
in Europa

CED betrifft nicht nur den Magen-Darm-Trakt sondern führt bei 20
bis 40 Prozent der Patienten auch zu weiteren Krankheitsbildern, wie
etwa Erkrankungen der Augen, der Gelenke oder der Haut. Es wird
angenommen, dass ein Patient mit CED im Schnitt drei bis sechs Wochen
pro Jahr im Krankenstand ist und etwa zehn Tage im Krankenhaus
verbringt. Etwa 20 Prozent der norwegischen Patienten hatten im
Zeitraum von zehn Jahren nach Erstdiagnose eine Invalidenpension
zugesprochen erhalten. In einer gesamteuropäischen Studie gaben 44
Prozent der Personen an, dass sie aufgrund von CED ihre Arbeit
verloren hatten oder aufgeben mussten. Gerade die Erhebung der
Situation auf dem Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung, da viele
Patienten ihre Symptome herabspielen, ihre belastete Verfassung vor
Kollegen verstecken und auch dann noch weiterarbeiten, wenn andere
bereits in den Krankenstand gegangen wären.

Junge Menschen sind besonders häufig betroffen

Da CED vorwiegend bei Menschen im frühen Erwachsenenalter auftritt
und in alle Lebensbereiche hineinspielt, verursacht CED substantielle
direkte und indirekte Kosten - sowohl für das Gesundheitssystem als
auch für die Gesellschaft. Daniel Sundstein, ein 27jähriger dänischer
Physiotherapeut und Betroffener berichtet: "Es war 2007, als ich mit
der Diagnose CED im Krankenhaus landete. Ohne die Unterstützung von
Familie und Freunden wäre ich nicht in der Lage gewesen, mein "neues
Leben" zu meistern. Dennoch sollte aus meiner Perspektive CED keine
Ausrede dafür sein, dass junge Menschen ihre Träume und Ziele
aufgeben. Noch während meines Krankenhausaufenthaltes setzte ich mir
meine nächsten Ziele, ich wollte einen Marathon laufen, meine
Ausbildung abschließen und anschließend einer Vollzeitbeschäftigung
nachgehen. In dreieinhalb Jahren hatte ich alle diese Ziele erreicht,
ich konzentrierte mich auf drei Dringe: sportliches Training,
Ausbildung und mein gesellschaftliches Leben", so Sundstein.

Patienten mit CED benötigen ab dem Zeitpunkt der Diagnose
lebenslang Medikamente. Daher sollte mit den Patienten erörtert
werden, wie das Abschwächen der Magen-Darm-Erkrankungen und die
möglichen Nebenwirkungen der Medikamente gut ausbalanciert werden
können. Für Sundstein sind Erkrankungsschübe ein Teil von CED,
Patienten sollten geschult werden, wie sie damit am besten
zurechtkommen können. Sundstein: "Niemand ist nach einer CED-Diagnose
unverändert. Ich entschloss mich zu kämpfen und mein Leben zum
Besseren zu verändern."

EFCCA und ECCO: Mit vereinten Kräften gegen CED

Die Europäische Morbus Crohn und Ulcerosa Colitis Vereinigung ist
eine Dachorganisation und vertritt 27 nationale
Patientenorganisationen aus 26 europäischen Staaten. EFCCA sieht
seine Aufgabe darin, das Leben von Betroffenen zu verbessern und
ihnen eine lautere Stimme und höhere Sichtbarkeit in Europa zu
verschaffen. EFCCA-Vorsitzender Dr. Marco Greco: "Es ist mehr
Engagement von politischer Seite und anderen relevanten Stakeholdern
erforderlich, damit eine Verbesserung der Lebensqualität für
Betroffene sichergestellt werden kann. Dies bedeutet einerseits das
Durchsetzen von verbesserten medizinischen Standards wie
beispielsweise frühere Diagnostik, verbesserter Zugang zu auf CED
spezialisierten Medizinern oder die Medikation mit so genannten
"Biologika". Andererseits müssen auch Bereiche berücksichtigt werden,
die den Alltag von Patienten betreffen, wie die Arbeitswelt, die
Ausbildung und das soziale Umfeld der Betroffenen."

"Wir haben miterlebt, welche Möglichkeiten sich auftun, wenn die
Medizin, die Wissenschaft und die Patientenvertretungen ihre Kräfte
bündeln", sagt Greco. Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit
war die Organisation des "World Symposium on patient funded IBD
Research" welches EFCCA vergangenen Oktober organisiert hatte. Ein
weiterer Meilenstein war der "World IBD DAY Event", den EFCCA direkt
im Europäischen Parlament ausgetragen hat. Dadurch konnten die
politischen Entscheidungsträger von Europa direkt angesprochen
werden. Greco: "Dies mag der erste Schritt gewesen sein, um einen
legislativen Prozess in Gang zu setzen. Es braucht in der
Europäischen Union verstärkte Harmonisierung und das Zurückdrängen
von CED-bedingter Diskriminierung. Gesundheitspolitik und
Gesundheitsversorgung sollten in einem breiteren politischen Spektrum
wahrgenommen werden. "Health in all policies" nach dem Verständnis
von WHO und EC reichen auch in die Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und
Umweltpolitik hinein."

Die Presseaktivitäten zu "Join the fight against IBD" wurden durch
die großzügigen Beiträge von 50 verschiedenen Unterstützern aus allen
gesellschaftlichen Bereichen, Privatspender ebenso wie Vertreter aus
der Industrie, ermöglicht. EFCCA und ECCO sprechen dafür einen
besonderen Dank aus und werden weiter daran arbeiten, gerade für
junge Menschen die Belastungen der Erkrankung zu reduzieren.

Die in diesen Presseunterlagen verwendeten Personen- und
Berufsbezeichnungen treten der besseren Lesbarkeit halber nur in
einer Form auf, sind aber natürlich gleichwertig auf beide
Geschlechter bezogen.

Bild(er) zu dieser Aussendung finden Sie im AOM / Originalbild-Service
sowie im OTS-Bildarchiv unter http://bild.ots.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WDM

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