• 02.02.2013, 19:31:18
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein smarter Gastgeber sein" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 03.02.2013

Utl.: Ausgabe vom 03.02.2013 =

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Morgen beginnt in Schladming die Alpine
Ski-Weltmeisterschaft. Muss sich das Land vor sich selbst fürchten?
Droht eine zweiwöchige patriotische Dauer-Ekstase, eine
Selbstbeschwörung, die auf eine wunde, brüchige Seele schließen
lässt, auf ein Gefühl defizitären Selbstwertes, der im Skirennsport
und dessen Überhöhung Ausgleich und Heilung sucht?

Diese Deutungsmuster waren im Vorfeld zu lesen. Sie sind nah am
Klischee gebaut. Das Land leidet nicht mehr an seiner Kleinheit, am
kartografischen "Rest", der ihm zugewiesen wurde. Eher hat man das
Gefühl, dass sich die Leute mit dem Dasein im Schatten der Großen,
mit dem Nicht-exponiert-Sein angefreundet haben. Man genießt die
Vorzüge der Kleinheit, bleibt unbehelligt und muss nicht
Verantwortung übernehmen. Das Ergebnis der Volksbefragung erzählte
davon. Nein, da ist kein geopolitischer Geltungsehrgeiz mehr, der
Kompensationsschneisen im Abschüssigen sucht. Eher ist das
antriebslose Sichbescheiden mit der Nichtrelevanz das Problem und
nicht ein überdehntes Streben nach Geltung.

Freundlich könnte man sagen: Das Land hat zu sich gefunden und die
Nöte der Selbstwerdung längst überwunden. In den trüben Jahren nach
dem Krieg, als das Land an nichts anknüpfen konnte und darüber
stritt, ob es ein Staat oder eine Nation sei, war der Skisport eine
Identitätskrücke. Ikonen wie Sailer, Schranz oder später Klammer
halfen, das Land aufzurichten und "mit sich zu versöhnen", wie der
Publizist Samo Kobenter in der Anthologie "Ski-Spitzen" schreibt.

Weil die Identität robust dasteht, muss sie nicht mehr von Skiläufern
künstlich gestiftet werden. In Ermangelung einer ernsthaften
Unterhaltungskultur sind sie einfach nur nette, mitunter erstaunlich
reflektierte Pop-Akteure (Hirscher). Therapeutische Funktion haben
sie keine mehr. An ihnen hängt kein kollektives Seelenheil mehr. Wie
bei einem guten Konzert können wir uns entspannt an ihnen (und den
anderen) erfreuen. Macht und rot-weiß-rote Hegemonie müssen nicht
sein. Sie entglobalisieren weiter den Skisport und sind eh nur
schlecht fürs Geschäft.

Daraus ließe sich der Aufruf zu einem sanften, anmutigen Patriotismus
ableiten. Er bedeutet nicht geistige Enge. Die Sehnsucht nach
Zugehörigkeit ist ein Grundbedürfnis und kein Krankheitsbild. Die
Deutschen lebten bei der Fußball-WM vor, wie man als Gastgeber alles
Hoffen aggressionsfrei auf die Seinen richten und dennoch ein
weltoffener, smarter Gastgeber sein kann. Schön, wenn Schladming
Ähnliches gelänge. Dann erwartet uns nicht die Therapiesitzung einer
Nation, sondern ein großes Fest. ****

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