"Kleine Zeitung" Kommentar: "Im Rückblick war's schön" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 27.01.2013

Graz (OTS/Vorausmeldung) - Es gab genug Schlechtes zu sagen über die Befragung vor einer Woche, und wir haben es gesagt. Das Positive ist im Rückblick besser zu erkennen. Wir haben wochenlang konzentriert ein Thema abgehandelt. Das ist ungewöhnlich, weil wir kollektiv schon ein bisschen unter kurzen Konzentrationsspannen leiden. Wir, das sind Politiker, Medien, Leserinnen und Leser.

Wir wissen jetzt, dass Tüpl Truppenübungsplatz heißt und wer unseren Quiz gelöst hat, kennt noch mehr Fachausdrücke. Wir ahnen, dass es schlecht um das Heer steht und hoffen, dass es ernst gemeint ist mit der Absicht, daran etwas zu ändern. Man kann uns in Hinkunft schwerer einen Bären aufbinden, weil wir uns ein bisschen eingearbeitet haben.

Vor allem aber kam in den Tagen vor dem Votum so etwas wie Stimmung auf, Lust, sich zu beteiligen, etwas zu entscheiden, mitzureden. Fünf Jahre nur repräsentative Demokratie, da schlafen dem emsigsten Bürger die Füße ein. Es ist schwer, bei der Stange zu bleiben, wenn man immer nur vom Rand aus kommentieren darf, wie andere sich über unsere Angelegenheiten ereifern.

Schön war am vergangenen Sonntag auch zu sehen, wie auf einmal Betroffene sich zu Komitees zusammenfanden, um die eine oder andere Idee zu bewerben. So viel Engagement, nicht nur Funktionärseifer, war schon lange nicht mehr.

Das alles spricht für den häufigeren Gebrauch der direkten Demokratie, und sei es auch zu Zwecken des Missbrauchs. Man kann ja auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Deshalb ist die Aufregung über David Camerons Drohung mit einer Volksabstimmung befremdlich. Wenn es dazu kommt, müssen die Argumente auf den Tisch gelegt werden. Dann wird sich zeigen, was wirklich für diese EU spricht, auch für den einfachen Briten. Es wird, so darf man annehmen, mehr sein, als er sich im Alltag bewusst war. So eine Abstimmung würde auch eine eher menschenferne Einrichtung wie die Kommission in Brüssel dazu nötigen, in den Ring zu steigen - es ginge ja ums Eingemachte. Und dann ist so eine Abstimmung auch zu gewinnen.

Nur noch ein paar Schweizern in versprengten Kanonen ist das prickelnde direkte Demokratiegefühl gegönnt - ein voller Platz, erhobene Hände. Wir müssen es künstlich herstellen, medial. Zäsuren wie die vom vergangenen Sonntag, wo man zu einem übersichtlichen Streitthema seine Meinung sagen darf, beleben die Sinne. Wir sollten das öfter probieren. Wenn dann die Entscheidung vielleicht auch noch wirklich verbindlich ist, umso besser. Aber das mit dem Heer war kein schlechter Anfang. ****

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