- 16.01.2013, 20:59:05
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Gesucht: Gute Leute für Berlin / Leitartikel von Hans Evert
Berlin (ots) - Mitunter haben Gedankenspiele, die in Forscherstuben
gedeihen, diabolischen Charakter. Ein gutes Beispiel liefert ein
Experte des Instituts der Deutschen Wirtschaft mit einem kleinen
Rechenexempel, nach dem Berlin die vielfache Terminverschiebung des
neuen Hauptstadtflughafens guttun würde. Sein Argument: Die
Wirtschaft der Stadt profitiere von der bienenstockgleichen
Geschäftigkeit in Tegel. Würde der neue BER in Schönefeld angeflogen
- was nach alten Plänen längst der Fall sein sollte -, gingen
Arbeitsplätze und Wertschöpfung des Flughafenbetriebs in die
Brandenburger Statistik ein. Solange also Tegel noch arbeitet, gilt
demnach: BER-Desaster hilft Berlins Wirtschaft auf die Sprünge. Folgt
man der Logik, ist das, was am Mittwoch auf der Aufsichtsratssitzung
der Flughafengesellschaft beschlossen wurde, kontraproduktiv. Denn
ein irrlichternder Flughafengeschäftsführer Rainer Schwarz und ein
glückloser Chefkontrolleur Klaus Wowereit sind die beste Gewähr
dafür, dass Tegel noch lange offen bleiben muss. Das lehren die
vergangenen Monate. Nun wurde Schwarz rausgeschmissen und hat sein
Arbeitszimmer schon geräumt, wie es heißt. Wowereit übergab den
Spitzenposten im Aufsichtsrat an Brandenburgs Ministerpräsidenten
Matthias Platzeck. Ein neuer Flughafenchef wird gesucht, dazu ein
Finanzexperte für die Geschäftsführung. Beide Personen müssen Großes
leisten: Den BER auf den Weg bringen, ihren Vorstandskollegen Horst
Amann einhegen, der schon munter über einen Eröffnungstermin 2015
schwadroniert und zunehmend nervöse Politiker erdulden. Gibt es
Freiwillige für diesen Job? Die neuen Macher an der Spitze des
Flughafens müssen aber auch Tegel am Laufen halten. Diese Aufgabe
gewinnt mit jedem Tag BER-Verzögerung an Bedeutung. Nur dann kann das
Berliner Wirtschaftswunder weitergehen. Nicht, weil der Flugbetrieb
von Tegel so viel zum Wirtschaftswachstum beitragen würde, sondern
weil die Stadt aus der Luft erreichbar bleiben muss. Weiß ja keiner,
wann der BER aufmachen wird. Die Ironie besteht ja darin, dass Berlin
trotz des BER-Debakels so gut dasteht wie seit Jahren nicht. Jahr für
Jahr strömen mehr Touristen in die Stadt. Die Konjunktur war in der
jüngeren Vergangenheit fast immer besser als im Rest der Republik. In
keinem anderen Bundesland entstanden prozentual gesehen mehr neue
Stellen als hier. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat 2012 wohl
Bundesniveau erreicht. Die Gründerszene trägt der Stadt Bewunderung
ein. Diese erfreulichen Entwicklungen gibt es trotz der Baustelle des
Grauens in Schönefeld. Doch schaut man mit Distanz auf die Stadt,
gerät der Pannenflughafen im wortwörtlichen Sinn zur Provinzposse.
Viel mehr als eine Blamage für örtlichen Entscheidungsträger und ein
Kratzer am Image der angeblich so gut organisierten Deutschen ist es
nämlich nicht. Die Aufgabe für das neue Flughafen-Management ist
demnach ganz einfach: Stellt den BER fertig - irgendwie, irgendwann
-, und vernachlässigt Tegel nicht.
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