Politische Entscheidungsprozesse in Zeiten des sich beschleunigenden Wandels

Rat für Forschung und Technologieentwicklung lud zur Diskussion über "Österreichs Zukunft in der Welt von morgen: Was kann Foresight für politische Entscheidungsprozesse leisten?"

Wien (OTS) - "Es gibt nicht die eine, unausweichliche Zukunft", so Univ.-Prof.in Dr.in Marion Weissenberger-Eibl in ihrer Auftakt-Keynote zur Veranstaltung "Was kann Foresight für politische Entscheidungsprozesse leisten?". Und weiter: "Der Vorteil und Nutzen von Foresight besteht vor allem darin, dass es unseren Blick öffnet für mögliche Zukünfte und die damit verbundenen Handlungsoptionen bzw. -notwendigkeiten." Anhand des in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiierten Foresight-Prozesses stellte Weissenberger-Eibl dar, worauf es bei diesem Blick ankommt: "Foresight bedeutet systemisches Herangehen aus einer objektiven Position, also nicht unter dem Aspekt, was man sich wünscht, sondern was möglich und realistisch ist."
Dr. Hannes Androsch, Vorsitzender des Rates für Forschung und Technologie-entwicklung, zog daraus den Schluss, dass es die Aufgabe gerade eines Regierungs- beratungsgremiums wie des Forschungsrates sei, den "long view", den langfristigen Blick, zum Tragen zu bringen. "Einer Politik," so Androsch weiter, "die nur auf den nächsten Wahltermin blickt und punktuelle, kurzfristige Maßnahmen zur Befriedigung der Wählerinnen und Wähler setzt, fehlt jede längerfristige, perspektivische Einbindung in ein vernünftiges Gesamtkonzept. Diese längerfristige Perspektive fehlt mir derzeit an der europäischen und schon sehr lange an der österreichischen Politik".

Von kurzsichtigen politischen Maßnahmen zu langfristigen Strategien

Generalleutnant Mag. Othmar Commenda (BMLS) verwies in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass die "Lagebeurteilung" zu den wichtigsten Aufgaben der Militärs gehört. Gleichzeitig bemängelte er das Fehlen strategischer Ziele in der europäischen Politik: "Die Amerikaner", so Commenda, "haben - im Unterschied zu uns - immer ein Ziel und klar definierte nationale Interessen. Das mag uns nicht immer gefallen, doch es ermöglicht den USA, entsprechende Strategien zur längerfristigen Handlungsanleitung zu entwerfen."
Univ.-Prof. Dr. Christian Keuschnigg (IHS) erklärte, dass Foresight aus seiner Sicht als "Spekulation" im ursprünglichen Sinn des Wortes verstanden werden sollte, nämlich als "Blick in die Zukunft". "Jedes Unternehmen", so Keuschnigg, "macht diesen Blick in die Zukunft und nutzt dabei die Informationen des Marktes, um zu erkennen, welche Produkte oder Dienstleistungen künftig gefragt sein werden. So entstehen Innovationen. Innovation erfordert permanenten Strukturwandel, Altes wird durch Neues ersetzt. Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen für diesen Prozess der 'kreativen Zerstörung' zu schaffen und Strukturwandel zuzulassen. Bildung auf allen Stufen ist dabei die wichtigste Voraussetzung, um Technologie-Akzeptanz der Arbeitnehmer zu fördern und mit Grundlagenforschung, Ausbildung von Forschungspersonal und Technologie-Transfer die private Innovation zu unterstützen. Man kann sich Innovation in einem Land mit einem mangelhaften Bildungswesen einfach nicht vorstellen!"

Daran anschließend betonte Univ.-Prof. Dr. Rainer Münz (Erste Group Bank AG) die Tatsache, dass im Bereich der Demografie " - im Gegensatz zur Ökonomie, wo man schon so manche Prognoseleiche an sich vorbeiziehen sah - die verlässlichsten Prognosen für die nächsten Jahrzehnte möglich sind, denn die Pensionistinnen und Pensionisten des Jahres 2060 sind alle heute schon auf der Welt. Und es zeigt sich, dass 2060 mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung über 50 Jahre alt sein wird. Es gibt derzeit kein einziges Beispiel dazu, wie eine solche Gesellschaft funktionieren kann und welche Infrastruktur u.ä. man braucht, um eine solche Gesellschaft lebenswert zu machen. Hier liegt wohl eine der wichtigsten Aufgaben von Foresight."

"Früher war alles besser, sogar die Zukunft" (Karl Valentin) Einig waren sich die Podiumsteilnehmerin und -teilnehmer, dass wir uns in einer Phase eines sich beschleunigenden Wandels befinden, -eines Wandels, der nahezu alle Lebensbereiche umfasst. Die Finanzkrise und die Rezession der letzten Jahre haben den bisherigen Weg unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in Frage gestellt. Dadurch werden bereits vorher nicht zu übersehende, alarmierende Zukunftsperspektiven weiter zugespitzt.
Es ist evident, dass bisherige Erfahrungen und Orientierungsmodelle zunehmend in Schwierigkeiten geraten, Lösungen für die Zukunft bereitzustellen. Etliche, vor allem innovative Länder wie Deutschland, die Schweiz oder die skandinavischen Länder setzen bei der Steuerung ihrer notwendigen Transformationsprozesse zunehmend verstärkt auf die Unterstützung durch Foresight-Prozesse.
Der Rat hat daher gemeinsam mit futurezone.at und dem Kurier hochrangige ExpertInnen im Rahmen einer Podiumsdiskussion dazu eingeladen, einzelne Aspekte der globalen gesellschaftlichen und demografischen Entwicklungen sowie daraus resultierende Anforderungen an das Bildungs-, Innovations- und Pensionssicherungssystem zu beleuchten. Wesentlich war zudem die Diskussion globaler strategischer Veränderungen bis 2050 und die damit verbundenen Konsequenzen für Europa bzw. Österreich, die den Hintergrund sowohl für die Notwendigkeiten von Veränderungen als auch für die Möglichkeiten dazu darstellen.

Im Anschluss an die Veranstaltung wurde vom Geschäftsführer des Rates, Dr. Ludovit Garzik, der Launch der Web-Site www.oesterreich2050.at bekannt gegeben - einer Diskussionsplattform, die in den kommenden Wochen der breiten Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten zukunftsorientierten Themen - von Bildung über Pensionen bis zu Steuern - zur Verfügung stehen wird.

Podiumsdiskussion:
"Die Zukunft Österreichs in der Welt von morgen: Was kann Foresight für politische Entscheidungsprozesse leisten"
15. Jänner 2013 / Haus der Musik (1010 Wien, Seilerstätte 30)

TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion in alphabetischer Reihenfolge:

  • Dr. Hannes Androsch, Vorsitzender des Rates für Forschung und Technologieentwicklung
  • Generalleutnant Mag. Othmar Commenda, Stv. Chef des Generalstabes im Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport
  • Univ.-Prof. Dr. Christian Keuschnigg, Direktor des Instituts für Höhere Studien, Wien sowie Professorfür Nationalökonomie an der Universität St. Gallen
  • Univ.-Prof. Dr. Rainer Münz, Leiter der Forschungsabteilung der Erste Group Bank AG und Senior Fellow am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI)
  • Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer Instituts System- und Innovationsforschung (ISI) und Lehrstuhl für Innovationsmanagement am Karlsruher Institut für Technologie KIT

Moderation: Gerald Reischl, Chefredakteur futurezone.at

Fotos zur Veranstaltung können beim Rat für Forschung und Technologieentwicklung angefragt werden.

Rückfragen & Kontakt:

DI Dr. Ludovit Garzik
Geschäftsführer des Rates für Forschung und Technologieentwicklung
Tel: +43 1 7131414
E-Mail: l.garzik@rat-fte.at

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