• 07.12.2012, 19:15:44
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Als Zocken Brauch war" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.12.2012

Utl.: Ausgabe vom 08.12.2012 =

Graz (OTS) - Auch wenn einen die Konfrontation mit den Exzessen
und moralischen Hohlräumen im Land mit der Zeit unerschütterlich
gemacht hat: Dieser Salzburger Finanzskandal lässt das Publikum dann
doch fassungslos zurück. Eine Referatsleiterin verzockt in elf Jahren
unbemerkt 340 Millionen Euro Steuergeld.

Wie ist so etwas möglich?

Die Frage bezieht sich gar nicht primär auf die Tatverdächtige. Dass
ein Einzelner im Streben nach Gewinn in den Abwärtssog der
Spekulation gerät, von Verlustängsten getrieben das Risiko erhöht und
dabei erst recht in den Schlund gerissen wird: Das kennt man aus der
Spieler-Literatur und Sucht-Dokumentation, von Dostojewski bis zu den
Abhängigkeits-Protokollen der Schuldnerberatung. Vielleicht kennt die
bittere Mechanik der Spirale auch der eine oder andere Kleinanleger,
der sich in den vergangenen Jahren auf die Kapital- und Devisenmärkte
locken ließ und vom Ausflug zerzaust heimgekehrt ist wie der
Dorfrichter Adam bei Kleist.

Das Abschüssige und sich Beschleunigende der Geisterfahrt dieser
Spitzenbeamtin, all das lässt sich psychologisch nachvollziehen, als
Abfolge von guter Absicht (Geld für das Land ertragreich zu
veranlagen), Hasard und krimineller Energie.

Aber wie war es möglich, dass es möglich war? Wie ist es möglich,
dass eine einzelne Person im Landesdienst die Mittel, die
Möglichkeiten, den Freiraum und die Befugnisse hat, so lange so hohe
Spekulationsverluste anzuhäufen? Es sind Fragen, die an das System zu
richten sind, an das Umfeld, die Kontrollinstanzen sowie an jene, die
für das System politisch verantwortlich sind.

Sie alle haben mutmaßlich versagt. Ein Kapitän, der als
Finanzreferent fünf Jahre an der Seite seiner wichtigsten
Budget-Expertin nichts von deren Malversationen mitbekommt, nichts
von der Schlagseite des Schiffes und der jetzt, im Anblick des
Ungemachs in die Pose des Aufdeckers flüchtet, hat ein gröberes
Glaubwürdigkeitsproblem. Lösen kann er es nur mit einem Rücktritt.

Die Lehren aus dem Skandal liegen auf der Hand. Spekulationsgeschäfte
mit Steuergeld gehören verboten. Das gilt für Gemeinden, Land und
Bund. Man zockt nicht mit dem Geld anderer. Dieser Rechtsbruch war
lange Zeit Brauch. So leuchtet auch diese Affäre in die
Vergangenheit. Sie blühte auf in der Dekade der Casino-Mentalität,
der Enthemmung und Maßlosigkeit. Wer sich mit dem Zins des Sparbuchs
beschied, galt als Tor. Das war der Zeitgeist. Er trug nicht nur die
Farbe Schwarz-blau, sondern machte, wie Salzburg, Linz und Bawag
zeigen, auch vor roten Milieus nicht halt. Die Ideologie wurde
eingetauscht gegen Jetons.****

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