• 27.11.2012, 17:08:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Wertvernichtungskette"

Ausgabe vom 28. November 2012

Utl.: Ausgabe vom 28. November 2012 =

Wien (OTS) - "Wie lange greifen Europäer noch zu 10-Euro-Jeans,
obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika
einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer
Menschenwürde?", fragte der deutsche Präsident Joachim Gauck wenige
Tage, bevor in Bangladesch 110 Menschen beim Brand einer Textilfabrik
qualvoll ums Leben kamen. Wie sieht so eine Fabrik aus? 1000 Menschen
in einem neunstöckigen Gebäude zusammengepfercht; Nähmaschinen in
endlosen Reihen, die auch Ausgänge verstellen, vergitterte Fenster,
dazu der beißende Geruch von Textilchemikalien, auf dem staubigen
Boden mit Textilabfällen spielende Kinder.

Bangladesch ist zum größten Textilexporteur der Welt aufgestiegen.
Billige Baumwolle (aus Monokulturen) und noch billigere Löhne. Alle
europäischen Textilketten kaufen hier ein - die deutschen jährlich um
3 Milliarden Euro - und machen hier folgende Angebote daraus:
Bubenhosen um 2,99 Euro, Jeans um 6,99 Euro, Fleeceshirts um 6,49
Euro.

Gemeinsam mit den Opfern in Bangladesch stirbt freilich auch die
Wertegesellschaft Europa. Hervorgerufen durch einen Kapitalismus, der
im wahrsten Sinn des Wortes gierig, billig und schäbig geworden ist.
Es verdienen daran asiatische Fabrikbesitzer, internationale
Markenartikler und westliche Konsumenten. Es verlieren die Menschen,
die in solchen Fabriken arbeiten, und die Natur. Der Anbau von
Baumwolle zählt zu den größten Zerstörern von Ackerfläche. Dafür
können sich die aller Bildungschancen beraubten Tagelöhner noch als
systemgefährdende "Prolos" bezeichnen lassen.

Und weil die Lebenshaltungskosten in Europa dank Globalisierung so
billig geworden sind, können auch hier die Löhne gesenkt werden.
Süßer die Glocken nie klingen, denken sich manche Chefökonomen. Sie
errechnen, dass zwar die Haushaltsnettoeinkommen sinken, aber die
"frei verfügbaren Einkommen" dadurch praktisch unverändert sind -
alles Roger in Kambodscha, funken sie den Konsumenten.

Das Erschreckendste an dieser Wertvernichtungskette: Sie
funktioniert. Selbst wenn noch einmal hunderte Arbeiterinnen und ihre
Kinder bei "Tazreen Fashion Limited" verbrennen, wird sich in
Österreich nichts ändern. Die Bubenhose um 2,99 Euro wird in
Österreich auch heuer, fesch verpackt, unter dem Christbaum liegen.
Still wird die Nacht nur in Bangladesch sein.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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