"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der alljährliche Gipfel der Scheinheiligkeit" (Von Günter Pilch)

Ausgabe vom 26.11.2012

Graz (OTS) - Also auf ein Neues. Wieder trifft sich die Welt, um
die Welt zu retten. Diesmal haben sich die Verhandler zum Weltklimagipfel in Doha eingemietet, der Hauptstadt des Emirats Katar. Selbst unbekehrbare Optimisten ahnen, dass der exotische Tagungsort das Einzige bleiben wird, was das Spektakel von seinen Vorgängertagungen unterscheidet. Ein Durchbruch gilt als ausgeschlossen.

Seit Jahren wabern die Klimaverhandlungen träge dahin, die Beschlüsse werden von Mal zu Mal schwerer fassbar. Nicht weil die Welt so kompliziert geworden wäre. Das war sie auch schon vor 15 Jahren bei der Einigung in Kyoto. Der Grund liegt bei den Staatenlenkern, die in Wahrheit jene Klimapolitik ablehnen, zu deren Implementierung sie sich jährlich treffen.

So verkommen die Gipfel zu einer Abwehrschlacht einzelstaatlicher Interessenträger gegen einen wirkungsvollen Klimavertrag. Die faktische Ergebnislosigkeit der Gespräche demaskiert, wie scheinheilig die weltweite Umweltpolitik heute ist.

So ließ US-Präsident Barack Obama vor zwei Wochen wissen, dass der Kampf gegen den Klimawandel eine "Pflicht gegenüber den künftigen Generationen" sei. Gleichzeitig bauen die USA die Erdölförderung aus, stecken Milliarden in die zerstörerische Ausbeutung von Schiefergasfeldern und errichten mit Kanada Mega-Pipelines quer über den Kontinent.

Auf der anderen Seite der Welt eröffnet China im Schnitt jede Woche ein neues Kohlekraftwerk, während sich Russland mit den anderen Arktis-Anrainern ein Wettrennen um die Bodenschätze der Polarregion liefert. Ironischerweise ist es der Klimawandel, der den Weg dorthin (eis-)frei macht. Die Bohrungen nach Öl dringen immer tiefer ins Erdinnere vor - vergessen ist die Havarie im Golf von Mexiko vor zweieinhalb Jahren.

Doch auch die EU ist nicht mehr das Vorbild, als das sie sich so gerne gibt. Polen und andere Staaten wehren sich erbittert gegen Klimaverpflichtungen, die Förderungen für Öko-Energien sind ins Schussfeld der Wirtschaftslobbyisten geraten. Und Österreich? Hat kein brauchbares Klimaschutzgesetz, verzichtet auf eine Ökologisierung der Pendlerpauschale und fördert jährlich mit dreistelligen Millionenbeträgen fossile Energieträger.

All das wird in Doha nicht zur Diskussion stehen. Stattdessen verhandeln die Staaten über abstrakte Reduktionsziele beim Treibhausgas. Nur: Solange keiner bereit ist, den Weg dorthin zu beschreiten, sind solche Ziele nutzlos - und die Klimagipfel nichts weiter als Heuchelei.****

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