- 23.11.2012, 20:51:36
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Die Glaskugel bleibt trübe, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn
Frankfurt (ots) - Same procedure as every year: Wenige Wochen vor dem
Ultimo beginnen viele Marktteilnehmer damit, die Engagements in ihren
Büchern zurückzufahren, um die im laufenden Jahr - hoffentlich -
eingefahrenen Gewinne abzusichern. Während die Marktaktivitäten somit
allmählich abebben, beschäftigen sich die Akteure mit zunehmender
Intensität mit den Aussichten für das kommende Jahr und den damit
verbundenen anlagestrategischen Implikationen. Doch das ist derzeit
ein deutlich schwierigeres Geschäft, als es üblicherweise ohnehin
schon ist. Allen Anstrengungen der Prognostiker zum Trotz: Die
Glaskugel gibt derzeit kaum etwas her, sondern bleibt trübe.
Vielfältige Gründe machen Prognostikern und Anlegern zurzeit das
Leben schwer. Durch die Krise(n) seit dem Jahr 2007 hat sich die
bereits deutlich gestiegene Volatilität der Märkte und der
realwirtschaftlichen Entwicklung noch zusätzlich erhöht. Hinzu kommt
als Verstärker der Unkalkulierbarkeit eine weitere Krisenfolge: die
mittlerweile als Marktfaktor dominierende Rolle von Politik und
Notenbanken. Ein Beispiel dafür war im zurückliegenden Sommer die
überraschende Ankündigung unbegrenzter Anleihekäufe durch den
Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), die die
Marktteilnehmer auf dem falschen Fuß erwischte und eine kräftige
Rally an den Aktienmärkten auslöste. Zuletzt sorgte Japans
Oppositionsführer und Premierministerkandidat Shinzo Abe mit seiner
Forderung einer noch lockereren Geldpolitik für starken Druck auf den
Yen sowie steigende Aktienkurse in Tokio.
Kaum kalkulierbare Faktoren
Auch das Jahr 2013 wird unter dem Eindruck für Marktteilnehmer kaum
kalkulierbarer politischer Faktoren beziehungsweise Risiken stehen.
Im Vordergrund steht zunächst die in den USA drohende Fiskalklippe.
Kommt eine Einigung zwischen Demokraten und Republikanern zustande,
werden Risiko-Assets davon profitieren. Gelingt aber kein Kompromiss,
werden automatische Ausgabensenkungen und Steueranhebungen im Umfang
von 600 Mrd. Dollar die USA in eine Rezession stürzen - mit
entsprechend negativen Folgen für Risiko-Assets. Aber auch in Falle
eines Kompromisses werden die vereinbarten Konsolidierungsmaßnahmen
mittelfristig ihren Tribut fordern.
Unwägbarkeiten birgt zudem die europäische Schuldenkrise. Durch die
avisierten Stützungskäufe von Anleihen bedrängter südeuropäischer
Staaten ist sie zwar entschärft worden. Sie kann jedoch jederzeit
wieder an Virulenz gewinnen, wenn etwa die Proteste gegen die
Sparmaßnahmen in den Peripheriestaaten so extreme Ausmaße annehmen,
dass Konsolidierungsmaßnahmen unter dem Druck der Straße abgemildert
werden, oder wenn die Italiener bei den Wahlen im April gegen den
Konsolidierungskurs votieren.
Nach den Zinsen befragt, gewährt die Glaskugel indessen klare Sicht.
Anleger und Marktbeobachter können sich darauf verlassen, dass die
Zinsen 2013 und wahrscheinlich noch darüber hinaus auf sehr niedrigem
Niveau verharren werden. In einigen Fällen - wie etwa den Leitzinsen
in der Eurozone und in China - werden sie noch weiter sinken. Darüber
hinaus werden die Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed, die
Märkte weiterhin mit Liquidität fluten, und im Falle Japans werden
die Schleusen möglicherweise in absehbarer Zeit noch weiter geöffnet.
Gegen eine solche Entwicklung kann man sich nicht stemmen. Investoren
werden angesichts des bei null verharrenden risikolosen Zinses
weiterhin keine andere Wahl haben, als verstärkt zu Risiko-Assets wie
Aktien und Spread-Produkten zu greifen. Immerhin gibt es aber auch
erste ermutigende realwirtschaftliche Signale. In China haben die
Konjunkturdaten nach oben gedreht, eine Entwicklung, die nach dem
Führungswechsel durch Ankurbelungsmaßnahmen der Regierung verstetigt
werden könnte. Ferner haben sich die Daten aus den USA, insbesondere
auch den Häusermarkt betreffend, etwas verbessert.
Niedrige Zinsen und hohe Liquidität bleiben aber einstweilen die
Hauptantriebskräfte der Risiko-Assets, während sich die "besseren"
Antriebskräfte wie Konjunktur und Unternehmensgewinne weiterhin in
einem fragilen Zustand bzw. teilweise noch im Abwärtstrend befinden.
Die Anleger kommen angesichts des Niedrizinsumfelds zwar nicht umhin,
ihre Portfolien mit Risiko-Assets anzureichern. Aufgrund der
Unwägbarkeiten und Rückschlaggefahren sollten sie sich aber dem
Umfeld anpassen und ebenfalls "volatiler" werden, d.h. flexibel und
bereit sein, gegebenenfalls schnell die Reißleine ziehen und
Risiko-Assets wieder abstoßen.
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