- 21.11.2012, 18:15:31
- /
- OTS0264 OTW0264
WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eine gefährliche Posse der Finanzminister - von Hans Weitmayr
Diesmal haben nicht die Griechen, sondern die Gläubiger gepatzt
Utl.: Diesmal haben nicht die Griechen, sondern die Gläubiger
gepatzt=
Wien (OTS) - Will man sich nach dem jüngsten Treffen der
Eurofinanzminister auf die Suche nach einem Adjektiv begeben, das
Vorgeschichte, Verlauf und Nachspiel der Gespräche beschreibt, muss
man im Alphabet nicht lange suchen - spätestens bei "D" wie
"dilettantisch" wird man fündig. Wer weniger hart urteilen will, kann
die Suche bereits bei "A" wie "abenteuerlich" abbrechen - das sind
dann aber nur mehr geschmackliche Nuancen.
Man muss sich nur die Entwicklung der Nachrichtenlage
vergegenwärtigen: Vorige Woche hieß es, die Hilfe für Griechenland
sei unter Dach und Fach - zumindest wurde das vom Eurogruppen-Chef
Jean-Claude Juncker vollmundig erklärt. Die Aussage hat sich in der
Folge als Rechnung ohne Wirt herausgestellt, denn die an der Rettung
beteiligte IWF-Chefin Christine Lagarde sah die Situation eher
spiegelverkehrt. Die aus diesem Konflikt entstandenen Spannungen
haben sich in weiterer Folge wieder abgebaut; Optimismus machte sich
breit - bis es einen Tag vor Gesprächsbeginn plötzlich hieß, nein,
ein Ergebnis könne gar nicht zustande kommen, denn zuerst müsse ja
noch der Deutsche Bundestag abstimmen. Bevor man noch bass erstaunt
fragen konnte, ob man über eine derart gravierende formale
Voraussetzung nicht vielleicht schon in der Vorwoche hätte Bescheid
wissen müssen, wurde beruhigt: Schließlich ginge es ja um eine
politische Beschlussfassung, alles andere könne man nachreichen.
Was dann passiert ist, weiß man: Die Gespräche platzten. Dabei wurde
es nicht nur verabsäumt, die neu aufgetauchte Finanzierungslücke von
14 Milliarden Euro zu schließen - das wäre noch nachvollziehbar
gewesen. Nein, auch die längst überfälligen Kredittranchen über 31
Milliarden Euro wurden einmal mehr blockiert - und das, obwohl die
Griechen alle Vorgaben für die Freigabe erfüllt haben.
Inzwischen - und an dieser Stelle muss man sich beherrschen, um nicht
in verzweifeltes Gelächter auszubrechen - haben alle Beteiligten
erklärt, es sei so gut wie fix, dass es am nächsten Montag zu einer
Einigung kommen werde. Dass der deutsche Finanzminister Wolfgang
Schäuble das erklärt, beruhigt; dass Jean-Claude Juncker das
ebenfalls tut, löst Misstrauen aus.
Das Problem an dieser Posse ist nicht die verlorene Zeit, sondern die
Tatsache, dass sie ein Lehrstück dafür ist, wie die EU ihren Ruf
einzementiert, über die Manövrierfähigkeit eines Öltankers zu
verfügen. Und das kann sich die Union in dieser Phase tatsächlich
nicht leisten.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWB






