- 20.11.2012, 17:46:32
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Neue Kriegsschauplätze"
Ausgabe vom 21. November 2012
Utl.: Ausgabe vom 21. November 2012=
Wien (OTS) - Selbst wenn die Waffen im Gaza-Konflikt schweigen, wird
der "stille Krieg" im Netz weitergehen. Israelis und Palästinenser
liefern einander in den Social Media wie Twitter und Facebook einen
wilden Schlagabtausch um die Deutungshoheit, wer wohl mit dem
Waffengang begonnen habe. Dass Internet-Plattformen so massiv zu
Propaganda-Zwecken eingesetzt werden, ist neu. Es geht immerhin
darum, auf wessen Seite die Welt in diesem Konflikt steht.
Recht haben wohl beide, irgendwie: Der Raketenbeschuss aus dem
Gaza-Streifen ist für Israel unerträglich geworden, zudem sieht sich
das Land durch Abschussrampen im Libanon bedroht. Und auf den
Golan-Höhen beginnt die syrische Armee verrückt zu spielen. Dass
Israel dieses Kesseltreiben nicht geduldig über sich ergehen lasen
würde, war klar.
Die palästinensische Seite wieder argumentiert, dass Israel
blindwütig Angriffe gegen Zivilisten geflogen habe - und
Regierungschef Benjamin Netanyahu, der in Kürze wiedergewählt werden
möchte, nun Stärke demonstriere. Israel soll als Aggressor
dargestellt werden.
Bei der Hackergruppe Anonymous ist diese Saat aufgegangen. 650
israelische Websites wurden zuletzt lahmgelegt. Und wer in Israel
Microsofts Bing öffnete, bekam israelische Waffen zu sehen. Die
Gruppe stellte sich offiziell auf die Seite der Palästinenser.
Dies alles ist Gift für die vielgepriesene "Freiheit im Netz".
Twitter und Facebook müssen sich die Frage stellen, ob sie zu
Propaganda-Plattformen verkommen. Und auch Regierungen der westlichen
Welt werden darüber nachdenken, wie im Bedarfsfall so mancher Account
gesperrt werden könnte. Das ist Zensur, eindeutig. Aber irgendwo
beginnt auch das Selbstverteidigungsrecht von Staaten in einem
Cyber-Krieg. Diese Debatte hat gerade begonnen, und sie wird wohl
heftig geführt werden.
Anonymous hat sich entschieden. Die Hacker haben einseitig in einen
Konflikt eingegriffen und sind damit in die Politik eingestiegen. Die
Schwarm-Intelligenz hat allerdings damit ihrem Ziel, der
Unabhängigkeit im Netz, einen Bärendienst erwiesen. Erstens ist ihre
Glaubwürdigkeit diesbezüglich dahin, und zweitens werden sich die
Hacker künftig besonders intensiver Verfolgung der Geheimdienste
"erfreuen" können. Der Cyber-Krieg hat begonnen, auch wenn die Waffen
schweigen.
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