- 16.11.2012, 17:00:31
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Das Wertvolle hat oft keinen Preis"
Am freien Markt kann man sich alles kaufen. Aber gilt das auch für die wirklich wertvollen Dinge?
Utl.: Am freien Markt kann man sich alles kaufen. Aber gilt das auch
für die wirklich wertvollen Dinge?=
Wien (OTS) - Als der Kommunismus zusammenbrach, die Berliner Mauer
fiel und das riesige, nur von Waffengewalt geeinte Sowjet-Imperium
zerfiel, triumphierten die Vertreter der freien Marktwirtschaft. Der
amerikanische Politologe Francis Fukuyama verstieg sich sogar zur
These vom "Ende der Geschichte." Demokratie und Markt würden die
Menschen bis ans Ende aller Tage begleiten. Das war Anfang der
1990er-Jahre. Spätestens seit dem Zusammenbruch der Investmentbank
Lehman Brothers vor rund vier Jahren machen völlig andere Theorien
die Runde. Insbesondere in Europa klammern sich die Bürger wieder an
den Staat, der doch bitte wieder alles richten solle.
Der amerikanische Michael J. Sandel hat jetzt ein Buch
herausgebracht, das gleichzeitig die Bedeutung der Marktwirtschaft
und ihre Grenzen beleuchtet. "Was man für Geld nicht kaufen kann"
erklärt uns Sandel und erläutert die moralischen Grenzen des Marktes.
Was ist käuflich?Da wir in Europa noch immer Trends aus den USA
übernehmen, ist es schon deshalb interessant, sich mit dem
Harvard-Professor Sandel zu beschäftigen. Er bringt nämlich unzählige
Beispiele, wie in den USA bereits so gut wie alles käuflich sei - und
wie Staat und Unternehmen das auch für sich nutzbar machen.
Niemand steht gerne in der Schlange. In New York zahlt man
Arbeitslose dafür, dass sie sich für begehrte Theaterkarten
anstellen. Aber das Modell funktioniert inzwischen auch beim Kongress
in Washington, wo Lobbyisten andere fürs Warten zahlen. Und natürlich
gibt es inzwischen Firmen, die daraus ein Geschäftsmodell entwickelt
haben.
Das klingt alles harmlos, aber gezahlt wird in den USA auch dafür,
dass Kinder Bücher lesen, dass Dicke abnehmen, dass Ärzte ihre
Handynummern an Patienten geben, dass sich drogensüchtige Frauen
sterilisieren lassen, dass man im Gefängnis eine bessere Zelle
bekommt. Die Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen.
Was hat einen Wert?Der Markt funktioniert, finanzielle Anreize
werden gerne genutzt. Und gleichzeitig spürt jeder, dass nicht alles
im Leben käuflich sein kann. Freundschaft, Liebe, Fröhlichkeit,
Wohlbefinden - das alles und vieles mehr ist nicht in Geldbeträgen zu
berechnen.
Und was heißt das für uns? Zunächst einmal, dass das Funktionieren
des Marktes zu akzeptieren ist. Wer glaubt, dass man mit Wohnungen
kein Geld verdienen darf, soll sich Fotos aus der DDR ansehen. Dort
waren die Mieten billig und die Häuser entsprechend desolat.
Aber wir müssen uns Bereiche in der Gesellschaft erhalten, wo es
um den Wert und nicht um den Preis geht? Was Freiwillige jeden Tag in
Österreich leisten, ist gar nicht in Geld umzurechnen. Und würde man
es tun, wären Idee und Idealismus kaputt. Eine Gesellschaft, in der
alles einen Preis hat, wäre nicht mehr lebenswert.
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