• 07.11.2012, 17:00:31
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Der Redner Obama muss jetzt handeln"

Obama hat den amerikanischen Traum neu definiert. Für die Umsetzung wird er die Republikaner brauchen.

Utl.: Obama hat den amerikanischen Traum neu definiert. Für die
Umsetzung wird er die Republikaner brauchen.=

Wien (OTS) - O my God, was ist dieser Obama für ein Redner. Diese
Mischung aus scharfer Intelligenz und feinem Gespür für Stimmungen
ist einzigartig. Also trat der wiedergewählte US-Präsident nicht
triumphierend vor seine Anhänger in Chicago, sondern mit ernstem
Blick, einem politischen Programm und einer gesellschaftlichen
Vision. Aber gerade bei einem so verführenden Rhetoriker wie Obama
ist zu hinterfragen, was ist Show - und was kann er wirklich
umsetzen?
Obama glaubt an den "American Dream." Er glaubt daran, dass " die
Tochter eines Einwanderers hier studieren und auf die amerikanische
Flagge schwören kann, dass der Bub aus einem Armenviertel in Chicago
ein Leben jenseits der nächsten Straßenecke sieht, dass ein
Arbeiterkind aus North Carolina Arzt oder Wissenschaftler werden
kann, oder Diplomat oder sogar Präsident." Aber der "American Dream"
ist für Obama nicht die individuelle Leistung des Einzelnen, Obama
glaubt, dass die Stärke der USA darin liegt, die Nation mit der
größten Vielfalt zu sein. Die USA funktionieren nur, wenn "wir
wissen, was uns zusammenhält und jeder Verpflichtungen für den
anderen übernimmt."
Das ist ein solidarisches Gesellschaftskonzept, das sehr
europäisch klingt. Wobei es auch das Ergebnis des demografischen
Wandels der USA ist. Die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe
sind die Latinos, die sich eher in den Städten der Küstenregionen
ansiedeln. Den vergleichsweise schrumpfenden weißen Mittelstand hat
er mit seinen Ängsten alleine gelassen.
In der globalen Konkurrenz müssen sich die USA zunehmend mit China
messen, wo gerade der Machtwechsel in der kommunistischen Partei
zeigt, wie sich dieses Land verändert hat. Die fünfte Generation nach
Mao Ze Dong besteht aus reich gewordenen Pragmatikern der Macht. Sie
haben den Wahlspruch von Deng Hsiao Ping "Bereichert euch" allzu
wörtlich genommen. Der Weg Chinas an die Spitze der Weltwirtschaft
ist nicht aufzuhalten. Umso mehr kann Obama aufzeigen, dass ein Land,
das auf die Werte Freiheit und Solidarität aufgebaut ist, für die
besten Köpfe der Welt attraktiver ist.
Aber was halten wir Europäer gegen Chinas Masse und Macht auf der
einen und den neuen amerikanischen Traum auf der anderen Seite? Wir
diskutieren, ob es nicht jedes Land alleine besser schaffen würde, ob
man nicht noch mehr Industrie in billigere Staaten verlagern könnte,
ob man nicht ein paar Ausländer wieder nach Hause schicken könnte.
Wie gesagt, bei einem rhetorischen Zauberer wie Barack Obama muss
man sehr genau hinhören, ob seine geschickten Formulierungen in der
Realität des täglichen Lebens durchführbar sind. Aber wenn wir nur
ein bisschen von seinem spirit in unsere "Das haben wir schon immer
so gemacht"-Funktionärsdemokratie brächten, könnte mancher Traum
Realität werden.

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