- 31.10.2012, 19:38:18
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Papierkranichen und tanzenden Skeletten" (Von Frido Hütter)
Ausgabe vom 1.11.2012
Utl.: Ausgabe vom 1.11.2012=
Graz (OTS) - Morgen ist Allerseelen. In unserem Kulturraum hat schon
allein das Wort die graue Anmutung von schleichendem Nebel und frühem
Frost. Nach unserer Anschauung geeignet, derer zu gedenken, die nicht
mehr unter uns weilen. Der Toten. Wir tun das meist stumm. Auf leisen
Friedhöfen.
Anderswo tut man das anders. In Togo erlebte ich eine Gedenknacht, in
der grandios und aushaltig getrommelt wurde. Dazu gab es reichlich
Speis und Trank. Als im Morgengrauen die Trommeln allmählich
verstummten, achteten die Familien darauf, dass genügend Reste des
Mahles am Ort verblieben, auf dass die Ahnen weiter feiern konnten.
Auf einem Friedhof bei Hongkong wurde auch gespeist. Schon wochenlang
hatte man Hunderte kleiner Papierkraniche gefaltet. Die wurden nun
auf der Gruft in Flammen gesetzt. Der Duft von Räucherstäben und
fröhliche Mienen bestimmten die allgemeine Atmosphäre.
Wer jemals in Mexiko an einem Gedenken für die Toten teilgenommen
hat, wird sich vielleicht schräge scheppernder Mariachi-Musik und
tanzender Skelette entsinnen.
Kurzum, es scheint, dass manche Kulturen ein etwas entspannteres
Verhältnis zum ungewissen Sein nach dem Leben pflegen.
Die Christenheit hätte eigentlich besonders gute Gründe, die
Verblichenen zu feiern. Schließlich sind sie ja Vorangegangene, die
nach der Mühsal des Lebens endlich Gottes ewige Herrlichkeit schauen
dürfen.
Man spricht so oft von den trauernd Hinterbliebenen. Das ist in den
ersten Tagen und Wochen ein durchaus verständlicher Zustand, zumal
man sich ja erst an die Abwesenheit von einstmals Vertrautem gewöhnen
muss und das tut weh.
Wenn die Zeit die gröbsten Wunden geheilt hat, hätten die
Vorangegangenen aber Besseres verdient, als Hinterbliebene, die mit
betretenen Mienen am Grabe Kerzen entzünden.
Sollten sie, wie die Religion es lehrt, über eine unsterbliche Seele
verfügen, dann wären Frohsinn, heitere Lobpreisung ihrer Qualitäten
zu Zeiten ihrer irdischen Existenz und vielleicht sogar das Abspielen
ihrer Lieblingsmusik eher angebracht. Sie zu betrauern grenzt an
Gotteslästerung, da dies die Güte des angeblich Allmächtigen schwer
in Zweifel stellt.
Friedrich Nietzsche hat sinngemäß gesagt, die Christen wären für ihn
vertrauenswürdiger, wenn sie etwas erlöster aussähen. Auch wenn er es
ironisch meinte, hatte er wohl recht: Religion bedingt Freude. Denn
ohne sie gerät sie leicht in den Verdacht des Aberglaubens.****
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