"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von Papierkranichen und tanzenden Skeletten" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 1.11.2012

Graz (OTS) - Morgen ist Allerseelen. In unserem Kulturraum hat schon allein das Wort die graue Anmutung von schleichendem Nebel und frühem Frost. Nach unserer Anschauung geeignet, derer zu gedenken, die nicht mehr unter uns weilen. Der Toten. Wir tun das meist stumm. Auf leisen Friedhöfen.

Anderswo tut man das anders. In Togo erlebte ich eine Gedenknacht, in der grandios und aushaltig getrommelt wurde. Dazu gab es reichlich Speis und Trank. Als im Morgengrauen die Trommeln allmählich verstummten, achteten die Familien darauf, dass genügend Reste des Mahles am Ort verblieben, auf dass die Ahnen weiter feiern konnten.

Auf einem Friedhof bei Hongkong wurde auch gespeist. Schon wochenlang hatte man Hunderte kleiner Papierkraniche gefaltet. Die wurden nun auf der Gruft in Flammen gesetzt. Der Duft von Räucherstäben und fröhliche Mienen bestimmten die allgemeine Atmosphäre.

Wer jemals in Mexiko an einem Gedenken für die Toten teilgenommen hat, wird sich vielleicht schräge scheppernder Mariachi-Musik und tanzender Skelette entsinnen.

Kurzum, es scheint, dass manche Kulturen ein etwas entspannteres Verhältnis zum ungewissen Sein nach dem Leben pflegen.

Die Christenheit hätte eigentlich besonders gute Gründe, die Verblichenen zu feiern. Schließlich sind sie ja Vorangegangene, die nach der Mühsal des Lebens endlich Gottes ewige Herrlichkeit schauen dürfen.

Man spricht so oft von den trauernd Hinterbliebenen. Das ist in den ersten Tagen und Wochen ein durchaus verständlicher Zustand, zumal man sich ja erst an die Abwesenheit von einstmals Vertrautem gewöhnen muss und das tut weh.

Wenn die Zeit die gröbsten Wunden geheilt hat, hätten die Vorangegangenen aber Besseres verdient, als Hinterbliebene, die mit betretenen Mienen am Grabe Kerzen entzünden.

Sollten sie, wie die Religion es lehrt, über eine unsterbliche Seele verfügen, dann wären Frohsinn, heitere Lobpreisung ihrer Qualitäten zu Zeiten ihrer irdischen Existenz und vielleicht sogar das Abspielen ihrer Lieblingsmusik eher angebracht. Sie zu betrauern grenzt an Gotteslästerung, da dies die Güte des angeblich Allmächtigen schwer in Zweifel stellt.

Friedrich Nietzsche hat sinngemäß gesagt, die Christen wären für ihn vertrauenswürdiger, wenn sie etwas erlöster aussähen. Auch wenn er es ironisch meinte, hatte er wohl recht: Religion bedingt Freude. Denn ohne sie gerät sie leicht in den Verdacht des Aberglaubens.****

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