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Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Romneys Spurt in die Mitte"
Ausgabe vom 24. Oktober 2012
Utl.: Ausgabe vom 24. Oktober 2012=
Wien (OTS) - Wenn Europa wählen dürfte, wäre die Sache entschieden:
Barack Obama wäre auch nach dem 6. November weiterhin US-Präsident.
Was viele Europäer überrascht: Die US-Medien und Demoskopen sagen ein
knappes Rennen voraus. Zwischen Lissabon und Helsinki gingen die
meisten Regierungschefs und Beobachter bis zum 3. Oktober von einem
Obama-Sieg aus.
Doch an diesem Tag erlebte Obama bei der Fernsehdebatte gegen Mitt
Romney ein Debakel. Obama wirkte an jenem Abend nicht wie einer, dem
der Job an seinem Arbeitsplatz in der 1600 Pennsylvania Ave in
Washington Spaß macht. Der hölzern und uncharismatisch wirkende
republikanische Herausforderer Mitt Romney wiederum war plötzlich
aufgetaut, gut gelaunt und gerierte sich wie jener Mann, der am 21.
Jänner 2013 als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird.
Romney hatte zudem zu einem Sprint Richtung politischer Mitte
angesetzt. Daher musste das Team Obama die Strategie ändern: Zuvor
war es für die Demokraten ein Leichtes, Romney als Geisel der
Rechts-außen-Tea-Party-Fraktion seiner Partei - Prädikat: unwählbar -
hinzustellen.
Nun merkte Obama: Er muss sich anstrengen. Und das tat er auch. Das
zweite Fernsehduell konnte der amtierende Präsident klar für sich
entscheiden und in der dritten - von außenpolitischen Themen
dominierten - TV-Diskussion unterschieden beide Kandidaten sich zwar
im Stil, aber kaum inhaltlich. Obama traf es ganz gut, als er meinte,
Romney wolle außenpolitisch dasselbe, "nur sagt er es lauter".
Obama hat den Vorteil, dass er in den wahlentscheidenden
Bundesstaaten - Florida und Ohio - über eine höchst effiziente und
gut geölte Wahlkampfmaschine verfügt. Romney wiederum besetzt die
Werbeslots der TV-Stationen, da seine Kriegskasse besser gefüllt ist.
Einmal mehr wird der frühere Stratege von Bill Clinton recht
behalten: "Its the economy, stupid", "es geht um die Wirtschaft,
Dummchen". Keiner der beiden Kandidaten hat eine Heilsbotschaft zu
verkünden: Barack Obama kann nicht mehr tun, als darauf zu verweisen,
dass er aus dem katastrophalen Erbe des Republikaners George W. Bush
- der große Abwesende dieses Wahlkampfs - das Schlimmste verhindert
hat. Romneys Versprechen niedrigerer Steuern klingt angesichts des
Schuldenbergs von über 16 Billionen Dollar wie ein Märchen. Kein
Wunder, dass man wenig Begeisterung in diesem Wahlkampf spürt.
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