- 23.10.2012, 12:00:02
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Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis heute
Wien (OTS) - Seit jeher setzen sich zahlreiche Künstler und
Wissenschafter verschiedener Disziplinen mit der Nacht auseinander,
gilt sie doch als geheimnisvoller Nährboden für die Fantasie und die
Kreativität des Menschen - ob als dämonisches Schattenreich, als
Geborgenheit bietender Rückzugsort oder als hell erleuchteter Abglanz
ihrer selbst. Das Belvedere widmet dieser allgegenwärtigen und
zugleich scheinbar schwindenden Macht eine Ausstellung, in der
Malerei, Grafik, Fotografie, Film sowie Skulptur und Objektkunst u.a.
von Caspar David Friedrich, Ferdinand Georg Waldmüller, Hans Makart,
Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner, Georg Kolbe, René Magritte, Paul
Delvaux, Rodney Graham, Germaine Krull, Anselm Kiefer, Gerhard
Richter, Marc Dion und Ansel Adams gezeigt werden. Ausgehend von der
Sammlung des Belvedere werden auch Entdeckungen aus dem Depot
präsentiert, die internationalen Leihgaben und Positionen gegenüber
gestellt werden.
Fast jede Nachtallegorie ist in ihrer Uneindeutigkeit eine
besondere künstlerische Herausforderung. Die Nachtstunden
intensivieren nicht nur die Fantasie, sondern bringen immer wieder
neue Aspekte des Geheimnisvollen mit sich. "War die dunkle Hälfte des
Tages lange mit bedrohlichen Metaphern, Symbolismen und
Personifikationen behaftet, so erlebte sie insbesondere in den
letzten 200 Jahren eine Bedeutungserweiterung und eine Neudefinition
in der kulturellen Wahrnehmung", so Agnes Husslein-Arco, Direktorin
des Belvedere, über die in der Ausstellung gezeigten Werke. Die
Erkenntnisse verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, darunter
Astronomie und Psychologie, waren dafür genauso ausschlaggebend wie
gesellschaftliche und zivilisatorische Prozesse. "In jüngster Zeit
entwickelte sich die Nacht sogar zu einem Material, aus dem Künstler
schöpfen; zu einem inneren Zustand, der gesellschaftskritisch
beschrieben werden will. Die nächtliche Kunst entwickelt sich von der
geheimnisvollen Symbolfigur zum künstlerischen Werkzeug zur
zeitgenössischen Verhandlung gesellschaftspolitischer,
selbstreflexiver und analytischer Momente", beschreibt Kurator Harald
Krejci.
Drei Paradigmenwechsel in der künstlerischen
Auseinandersetzung mit der Nacht
Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis heute beleuchtet
ab 24. Oktober im Unteren Belvedere und in der Orangerie drei
maßgebliche Paradigmenwechsel: Den ersten Schwerpunkt bilden dabei
Nachtdarstellungen der Romantik, die individuellen Sehnsuchtswelten,
Mystik und Naturgewalten Ausdruck verliehen und sich damit der von
der Ratio betonten Aufklärung gegenüberstellten. Caspar David
Friedrich als weltberühmter Vertreter der Romantik und seine
Nachfolger sind in der Ausstellung ebenso präsent wie etwa Johann
Heinrich Füssli, der Meister des Unheimlichen. "In der
todessehnsüchtigen Romantik ist die Nacht natürlich positive
Sinnfigur, die jene Wiedervereinigung danach ankündigt", so Kuratorin
Brigitte Borchhardt-Birbaumer über die allegorischen Darstellungen
der Nacht in der Romantik. Den zweiten wichtigen Themenkreis stellen
Errungenschaften des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts
um 1900 dar, wie etwa die Erfindung der Fotografie und neue Theorien
in der Psychologie. Die in der Schau vertretenen Expressionisten wie
Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde verarbeiteten in nächtlichen
Darstellungen die Strömungen ihrer aufgewühlten Zeit. Schließlich
werden Positionen - nicht selten mit verweigernden und eskapistischen
Tendenzen - zu den stets beleuchteten modernen Großstädten der
Jahrtausendwende präsentiert. "Die Verbreitung des künstlichen Lichts
in den Industriestädten löst in der Kunst eine sentimentale Sehnsucht
nach Dunkelheit durch den Naturverlust aus", erklärt
Borchhardt-Birbaumer weiter. Jürgen Klauke etwa hinterfragt in seinen
performativen Inszenierungen in der Form großer Fototableaus ironisch
das Nächtliche, repräsentiert durch die Hell-Dunkel-Szeneriefolge
Spanner und die Serie Heimspiel. Einen anderen Zugang zum Thema Nacht
wählte der Künstler Rodney Graham, der sich dabei filmen ließ, wie er
nach der Einnahme eines Schlafmittels - in einem bewussten Akt des
Sich-Entziehens - schlafend im Taxi durch einen Großstadtdschungel
gefahren wurde.
Dunkelheit und Nachtbilder passen besonders gut zu Wien
Die Ausstellung Die Nacht im Zwielicht. Kunst von der Romantik bis
heute diskutiert die unterschiedlichsten Zugänge und Deutungen der
dunklen Stunden des Tages. Wien, dem oft ein schaurig-schöner,
morbider Charakter zugeschrieben wird, bietet hierfür als
Ausstellungsort eine spannende kulturelle Vorgeschichte. "Dunkelheit
und Nachtbilder passen besonders zu Wien, nicht nur weil das
Belvedere eine erhebliche Anzahl von 'Nachtstücken' ab dem 19.
Jahrhundert in seiner Sammlung aufbewahrt, sondern auch weil hier
Wolfgang A. Mozart mit der Königin der Nacht in der Oper Die
Zauberflöte eine Neuauflage der antiken Allegorie erfunden hat,"
erklärt Agnes Husslein-Arco. Sigmund Freud entwickelte in Wien seine
bahnbrechenden Thesen zur Traumdeutung, Arnold Schönberg setzte sich
hier malerisch und musikalisch intensiv mit der Nacht auseinander und
Wolfgang Amadeus Mozart setzte in der Zauberflöte, die in dieser
Stadt uraufgeführt wurde, seiner Königin der Nacht - analog zur
mythologischen Darstellung der Nacht als mächtige Frauenfigur -
musikalisch ein Denkmal.
Breit gefächerter Themenparcours
Insgesamt dokumentieren zwölf Themen die Herangehensweise der
Kuratoren an das Material. Gezeigt werden etwa "Historische
Begebenheiten in der Nacht", welche häufig im kriegerischen oder
religiösen Genre angesiedelt sind. Weitere Schwerpunkte sind
"Allegorien der Nacht" und "Mythen und Literaturen". Künstlerische
Auseinandersetzungen mit "Traum und Schlaf" werden ebenso gezeigt wie
"Spielarten der Liebe". Der Themenbereich "Erhabene
Nachtlandschaften" zeigt Mondstimmungen, wilde Wetter und erleuchtete
Städte. "Nächtliche Tätigkeiten" werden ebenfalls in der Ausstellung
präsentiert, sowohl positiv besetzte wie etwa Schlaf, Wacht,
Studiertätigkeit, Mönchsgebet oder nächtliche landwirtschaftliche
Tätigkeiten als auch anrüchig bis negativ konnotierte wie nächtlich
herumstreifende Flaneure, Nachtleben, Prostitution und Voyeurismus.
Darüber hinaus rücken "Natürliche und künstliche Unterwelten" mit
Begriffen wie Höhle, Grotte, Hölle, aber auch Theater, U-Bahn oder
Kerker in den Fokus. Unter dem Titel "Nacht im Inneren des Menschen"
erwartet die Besucher eine Zusammenstellung von Werken, die schwarze
Ironie, Depression und Umnachtung, aber auch Blindsein und private
Nacht beleuchten. Mit "Dämmrige und helle Nächte in Symbolismus und
Abstraktion", also der Auflösung der Nacht im Farbnebel, folgt ein
weiterer Themenschwerpunkt. Himmlische Erscheinungen wie Sterne,
Mondfahrt und Sonnenfinsternis werden in "Die Nacht außerhalb der
Welt" beleuchtet und schließlich bildet "Ende der Nacht im Lichtsmog"
den Abschluss des Themenreigens.
Die Ausstellung geht von der Sammlung des Belvedere mit
prominenten Werken von Ferdinand Georg Waldmüller, Caspar David
Friedrich, Anselm Feuerbach, Hans Makart, Anton Romako, Gustave
Courbet und Emil Nolde sowie Entdeckungen aus dem Depot aus und
stellt sie internationalen Leihgaben und Positionen gegenüber,
darunter Philipp Otto Runge, Ernst Ludwig Kirchner, Edvard Steichen,
Weegee, Paul Delvaux, Anselm Kiefer und Gerhard Richter. Malerei,
Grafik, Fotografie, Film, Skulptur und Objektkunst werden nicht
chronologisch, sondern thematisch gruppiert.
Die Ausstellung wird von einem wissenschaftlichen Katalogprojekt
begleitet, das von der Kunstgeschichte bis in die Philosophie, die
Psychologie und die Astronomie reicht. Herausgegeben von Agnes
Husslein-Arco. Autoren: Brigitte Borchhardt-Birbaumer, Werner
Hofmann, August Ruhs, Thomas Posch, Walter Seitter, Harald Krejci und
Kerstin Jesse.
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