- 12.10.2012, 19:32:13
- /
- OTS0259 OTW0259
"Kleine Zeitung" Kommentar: "EU muss dem Preis auch in der Krise gerecht werden" (von Nina Koren)
Ausgabe vom 13.10.2012
Utl.: Ausgabe vom 13.10.2012=
Graz (OTS) - Überraschung, Überraschung: Jetzt sind wir alle
Nobelpreisträger. Haben wir das überhaupt verdient? Hat die EU bei
den großen Konflikten - Ägypten, Libyen, Syrien - nicht gerade erst
kläglich versagt? Sind unsere politischen Granden nicht stolz auf
jedes Geschäft, das sie mit dem Regime in China oder dem Autokraten
in Moskau in die Wege leiten? Und die Euro-Rettung - hat die nicht
drastisch vor Augen geführt, wie sehr die zerstrittenen Europäer mit
sich selbst zu kämpfen haben?
Stimmt alles. Und trotzdem: Ja, die Europäische Union hat den
Friedensnobelpreis verdient. Perfekt und allmächtig ist sie - zum
Glück - nicht. Und es ist richtig: Europa hat in Bezug auf seine
Finanzen schwere Fehler begangen. Aber Wirtschaftsnobelpreis ist es
ja keiner geworden.
Der Preis erinnert daran, dass die Europäische Union mehr ist als
eine Währung und ein Staatenbund, der unseren Export ankurbelt. Die
EU ist als Friedensprojekt eine echte, nachhaltige Veränderung
unseres Verhaltens im Umgang mit unseren Nachbarn, im Umgang auch mit
dem, was wir als fremd wahrnehmen. Die europäische Integration hat es
nicht nur vermocht, die Erzfeinde Frankreich und Deutschland zu
versöhnen und die Ost-West-Teilung zu überwinden. Sie ist heute noch
Anreiz für Aussöhnungsprozesse etwa auf dem Balkan. Die Kernidee
Europas nehmen wir für selbstverständlich. In Oslo befand man sie
wichtig genug, um uns daran zu erinnern.
Doch der Friedensnobelpreis ist Ehre und Auftrag zugleich. Die
Aufgabenstellung ist im 21. Jahrhundert eine andere geworden. Nicht
zuletzt die verzweifelten Jugendlichen Spaniens, die die Hoffnung auf
Arbeit aufgeben, erinnern drastisch daran: Der soziale Friede hat
während der Krisenjahre Brüche und Sprünge bekommen. In Zeiten, wo
offen darüber debattiert wird, schwache Mitglieder aus dem Klub zu
werfen, wäre auch in Bezug auf verbales oder ökonomisches Rowdytum
Abrüstung sicher noch möglich.
Natürlich hätte es, wie jedes Jahr, viele andere gegeben, die den
Preis verdient hätten - jene Frauen und Männer etwa, die in Syrien,
Nigeria oder Russland unbewaffnet draußen in der Welt stehen und ganz
privat, ohne den Schutz einer starken Organisation, ihr Leben
riskieren für mehr Demokratie. Bleibt zu wünschen, dass auch ihnen
das Beispiel eines Kontinents, der sich nach den Weltkriegen aus den
tiefsten Abgründen menschlicher Grausamkeit doch noch zum
zivilisierten Gemeinschaftsprojekt erhob, Hoffnung und Ermutigung
sein wird.****
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ






