"Kleine Zeitung" Kommentar: "EU muss dem Preis auch in der Krise gerecht werden" (von Nina Koren)

Ausgabe vom 13.10.2012

Graz (OTS) - Überraschung, Überraschung: Jetzt sind wir alle Nobelpreisträger. Haben wir das überhaupt verdient? Hat die EU bei den großen Konflikten - Ägypten, Libyen, Syrien - nicht gerade erst kläglich versagt? Sind unsere politischen Granden nicht stolz auf jedes Geschäft, das sie mit dem Regime in China oder dem Autokraten in Moskau in die Wege leiten? Und die Euro-Rettung - hat die nicht drastisch vor Augen geführt, wie sehr die zerstrittenen Europäer mit sich selbst zu kämpfen haben?

Stimmt alles. Und trotzdem: Ja, die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis verdient. Perfekt und allmächtig ist sie - zum Glück - nicht. Und es ist richtig: Europa hat in Bezug auf seine Finanzen schwere Fehler begangen. Aber Wirtschaftsnobelpreis ist es ja keiner geworden.

Der Preis erinnert daran, dass die Europäische Union mehr ist als eine Währung und ein Staatenbund, der unseren Export ankurbelt. Die EU ist als Friedensprojekt eine echte, nachhaltige Veränderung unseres Verhaltens im Umgang mit unseren Nachbarn, im Umgang auch mit dem, was wir als fremd wahrnehmen. Die europäische Integration hat es nicht nur vermocht, die Erzfeinde Frankreich und Deutschland zu versöhnen und die Ost-West-Teilung zu überwinden. Sie ist heute noch Anreiz für Aussöhnungsprozesse etwa auf dem Balkan. Die Kernidee Europas nehmen wir für selbstverständlich. In Oslo befand man sie wichtig genug, um uns daran zu erinnern.

Doch der Friedensnobelpreis ist Ehre und Auftrag zugleich. Die Aufgabenstellung ist im 21. Jahrhundert eine andere geworden. Nicht zuletzt die verzweifelten Jugendlichen Spaniens, die die Hoffnung auf Arbeit aufgeben, erinnern drastisch daran: Der soziale Friede hat während der Krisenjahre Brüche und Sprünge bekommen. In Zeiten, wo offen darüber debattiert wird, schwache Mitglieder aus dem Klub zu werfen, wäre auch in Bezug auf verbales oder ökonomisches Rowdytum Abrüstung sicher noch möglich.

Natürlich hätte es, wie jedes Jahr, viele andere gegeben, die den Preis verdient hätten - jene Frauen und Männer etwa, die in Syrien, Nigeria oder Russland unbewaffnet draußen in der Welt stehen und ganz privat, ohne den Schutz einer starken Organisation, ihr Leben riskieren für mehr Demokratie. Bleibt zu wünschen, dass auch ihnen das Beispiel eines Kontinents, der sich nach den Weltkriegen aus den tiefsten Abgründen menschlicher Grausamkeit doch noch zum zivilisierten Gemeinschaftsprojekt erhob, Hoffnung und Ermutigung sein wird.****

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