"Die Presse" Leitartikel: Auf Zehenspitzen durch vermintes Gebiet, von Oliver Pink

Ausgabe vom 11.10.2012

Wien (OTS/Die Presse) - Ein Thema, viele Wahrheiten: Ja, Väter wurden bisher benachteiligt. Ja, etliche haben sich unzulässig radikalisiert. Und ja, die gemeinsame Obsorge ist ein Ausweg.

Am vergangenen Samstag demonstrierten in Wien nicht nur die Kindergartenpädagoginnen. Auch Väterrechtsaktivisten zogen an diesem Tag durch die Innenstadt, um auf ihre Benachteiligung durch Justiz und Politik aufmerksam zu machen. "Nur vier Stunden Besuchsrecht in der Woche!", stand auf einem Schild, "Familienzerstörungsministerin Heinisch-Hosek" auf einem anderen. Auffallend war die relativ hohe Zahl an Frauen, die an diesem Demo-Zug über den Wiener Graben teilnahmen, möglicherweise waren es die Lebensgefährtinnen, Mütter oder Schwestern der betroffenen Männer.
In der Vergangenheit haftete den Väterrechte-Organisationen nicht selten etwas Obskures an - durch die Radikalität etlicher Proponenten und deren Angriffe auf die Justiz im Allgemeinen und bestimmte Familienrichter im Besonderen, durchaus selbst verschuldet. Und als sich dann auch noch die Freiheitliche Partei ihrer Anliegen federführend annahm, liefen die Interessenvertreter der Väter Gefahr, aus dem finsteren rechten Eck gar nicht mehr herauszukommen.

Das Familienrecht ist ein heikles Terrain, auf dem Recht und Gerechtigkeit in der subjektiven Wahrnehmung vieler Betroffener noch weiter auseinanderklaffen als in anderen Bereichen. Die Benachteiligung der Väter durch die Institutionen sei sogar eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft, war zuletzt mitunter zu lesen. Und es stimmt schon: Bisher war es (meist) so, wie es immer war. Die Mutter bekommt das Kind zugesprochen, die Obsorge noch dazu - und hat damit auch ein Druckmittel in der Hand, wann und wie der von ihr getrennt lebende Kindesvater den Sohn und/oder die Tochter zu sehen bekommt. Freilich gibt es für diese Besuchszeiten auch gerichtliche Vorgaben, nur im Alltag werden diese dann oft nicht immer so ganz genau eingehalten.
Die Folgen sind Frustration und Wut aufseiten der Väter (und ihrer Angehörigen). Eine für viele von ihnen ungewohnte Schwäche und Ohnmacht. Und manche greifen - wie jüngst im Fall Oliver - dann auch zur Selbstjustiz.
Aber auch für die Justiz und ihre Organe gehört es zu den schwierigsten Aufgaben, bei solchen Familiendramen Recht zu sprechen. Und dass automatisch beziehungsweise im Zweifel immer der Mutter recht gegeben wird, diese Praxis ist durch den Umstand, dass sich seit geraumer Zeit auch viele Väter immer stärker in die Erziehung ihrer Kinder einbringen, aufgeweicht.
Und so vollzieht die Republik Österreich nun nach, was anderswo bereits State of the Art ist: das Anrecht lediger Väter, die Obsorge für ihr Kind beantragen zu können - auch gegen den Willen der Mutter. So sieht dies auch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vor. Die rot-schwarze Einigung erfolgt zudem unter dem Druck, dass ab Februar 2013 ein Rechtszustand eingetreten wäre, bei dem Väter, auch solche, die sich nie um die Kinder gekümmert haben, automatisch das Sorgerecht erhalten hätten.
Darüber hinaus haben sich die Verhandlerinnen von SPÖ, Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek, und ÖVP, Justizministerin Beatrix Karl, darauf verständigt, dass nach einer Scheidung Mutter und Vater die gemeinsame Obsorge für ihr Kind erhalten können. Und zwar auch bei einer Trennung im Streit. Bisher war das nur im Einvernehmen möglich.
Der Richter kann sich dabei jedoch eine mindestens halbjährige Testphase vorbehalten. Wie dieser auch weiterhin die Hauptverantwortung trägt und von Fall zu Fall entscheiden muss. Einen Automatismus, wonach der Vater nach der Scheidung einfach so das Sorgerecht bekommt, wird es nicht geben.

Die Intention des Gesetzgebers ist es, das Wohl des Kindes noch stärker in den Mittelpunkt zu rücken und diesem einen verlässlichen Kontakt zu beiden Elternteilen zu ermöglichen. Über dessen Einhaltung künftig sogenannte "Besuchsmittler" wachen sollen.
Damit bekommen also auch die Väter mehr Rechte. Das ist gut so. Im Gegenzug sollten viele Väter aber auch ihre Pflichten ernster nehmen.

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