Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Europa entdeckt alte Werte"

Ausgabe vom 29. September 2012

Wien (OTS) - Europa ist trotz Krise die lebenswerteste Region der Welt - nirgends sind Freiheit und Demokratie stärker ausgeprägt. Diese Botschaften waren jüngst vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck, aber auch vom ehemaligen EU-Kommissar Franz Fischler zu hören. Auch wenn Europa eine mehrjährige "Wohlstandsdelle" erleide, ändere sich nichts an diesem Faktum.

Tatsächlich birgt die ständig erneuerte Analyse, dass Europa konstitutionell und institutionell schief dasteht, eine große Gefahr:
die große Zustimmung der Jüngeren zu Europa und zur Demokratie im Allgemeinen zu zerstören.

Wir werden also in nächster Zeit wieder eine stärkere Wertediskussion um Europa erleben, was durchaus begrüßenswert ist.

Diese Hinwendung zu den immateriellen Werten ist eine politische Notwendigkeit. Mit den materiellen Werten wird Europa nicht gerade punkten können. Topmanager und Spitzenpolitiker wissen längst, dass die fetten Jahre vorbei sind. 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird es erstmals eine Generation geben, die schlechter dran ist als die vorherige.

Das sollte immense politische Veränderungen auslösen. Zum einen - an die Adresse der heimischen Politiker - muss Bildung bei öffentlichen Investitionen Priorität haben - quantitativ und qualitativ. Andere Fördertöpfe müssen gekürzt werden, um Geld dafür freizuschaufeln.

Zum anderen brauchen die jungen Menschen auch neue, alte Überzeugungen. Freiheit, Chancengleichheit und eine soziale Mindestabsicherung gehören dazu. Weder die USA noch China, Indien oder Afrika bieten dies.

Die schwindende Chance, Arbeit und Geld zu haben wie die Eltern, wird viele Jugendliche entmutigen. Entmutigung ist aber das Letzte, was Europa ist der jetzigen Situation benötigt. Europa muss seiner Jugend das bieten, was die Gründerväter der EU im Blick hatten: die Überwindung nationaler Grenzen. Die Menschen müssen innerhalb Europas vollständig mobil sein können. Da sind noch viele Hürden wegzuräumen, in Brüssel wartet dazu noch viel Arbeit. Die EU muss gerade jetzt zeigen, dass sie die Wünsche der Jugend umsetzt. Wenn es nicht die materiellen sein können, bleiben die immateriellen - etwa ein vereintes Europa, auf das man wenigstens stolz sein kann. Der Weg zurück ins nationale Idyll wäre ohnehin trügerisch, er würde in vollkommener Chancenlosigkeit enden.

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