• 28.09.2012, 17:12:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Europa entdeckt alte Werte"

Ausgabe vom 29. September 2012

Utl.: Ausgabe vom 29. September 2012=

Wien (OTS) - Europa ist trotz Krise die lebenswerteste Region der
Welt - nirgends sind Freiheit und Demokratie stärker ausgeprägt.
Diese Botschaften waren jüngst vom deutschen Bundespräsidenten
Joachim Gauck, aber auch vom ehemaligen EU-Kommissar Franz Fischler
zu hören. Auch wenn Europa eine mehrjährige "Wohlstandsdelle"
erleide, ändere sich nichts an diesem Faktum.

Tatsächlich birgt die ständig erneuerte Analyse, dass Europa
konstitutionell und institutionell schief dasteht, eine große Gefahr:
die große Zustimmung der Jüngeren zu Europa und zur Demokratie im
Allgemeinen zu zerstören.

Wir werden also in nächster Zeit wieder eine stärkere Wertediskussion
um Europa erleben, was durchaus begrüßenswert ist.

Diese Hinwendung zu den immateriellen Werten ist eine politische
Notwendigkeit. Mit den materiellen Werten wird Europa nicht gerade
punkten können. Topmanager und Spitzenpolitiker wissen längst, dass
die fetten Jahre vorbei sind. 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs wird es erstmals eine Generation geben, die schlechter
dran ist als die vorherige.

Das sollte immense politische Veränderungen auslösen. Zum einen - an
die Adresse der heimischen Politiker - muss Bildung bei öffentlichen
Investitionen Priorität haben - quantitativ und qualitativ. Andere
Fördertöpfe müssen gekürzt werden, um Geld dafür freizuschaufeln.

Zum anderen brauchen die jungen Menschen auch neue, alte
Überzeugungen. Freiheit, Chancengleichheit und eine soziale
Mindestabsicherung gehören dazu. Weder die USA noch China, Indien
oder Afrika bieten dies.

Die schwindende Chance, Arbeit und Geld zu haben wie die Eltern, wird
viele Jugendliche entmutigen. Entmutigung ist aber das Letzte, was
Europa ist der jetzigen Situation benötigt. Europa muss seiner Jugend
das bieten, was die Gründerväter der EU im Blick hatten: die
Überwindung nationaler Grenzen. Die Menschen müssen innerhalb Europas
vollständig mobil sein können. Da sind noch viele Hürden wegzuräumen,
in Brüssel wartet dazu noch viel Arbeit. Die EU muss gerade jetzt
zeigen, dass sie die Wünsche der Jugend umsetzt. Wenn es nicht die
materiellen sein können, bleiben die immateriellen - etwa ein
vereintes Europa, auf das man wenigstens stolz sein kann. Der Weg
zurück ins nationale Idyll wäre ohnehin trügerisch, er würde in
vollkommener Chancenlosigkeit enden.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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