WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Märkte als Wächter der Reformen - von Hans Weitmayr

Die Märkte sind die treuesten Verbündeten der Notenbanken

Wien (OTS) - Das ging schnell. Kaum hatten die drei einflussreichsten Notenbanken der Welt, US-Fed, EZB und Bank of Japan beschlossen, massiv bis unbegrenzt Liquidität bereitzustellen, setzte es diese Woche für die Aktienmärkte einen ordentlichen Rumpler, dazu stiegen spanische Renditen wieder auf über sechs Prozent. Was auf den ersten Blick negativ erscheint, sollte aber mit einem zweiten Blick ordentlich geprüft werden. Zum einen ist bekannt, dass Märkte Entwicklungen vorwegnehmen und sich in ständiger Dynamik befinden; das heißt, die sich anbahnenden Selbstverpflichtungen der Währungshüter waren zu einem großen Teil eingepreist. Als dieses Thema erledigt war, richtete sich der Fokus wieder auf die, die es langfristig richten müssen: Europas Politiker und die Bürgergesellschaften, die sie vertreten. Und von dieser Seite kamen zuletzt nicht unbedingt die ermutigendsten Signale: Katalanische Unabhängigkeitsbestrebungen gewinnen in Spanien an Kraft, Portugals Regierung deutet ein Aufweichen des Sparkurses an, die dramatischen Bilder aus Athens Straßen bedürfen keiner verbalen Auslegung.

Genau auf diese Entwicklungen haben die Märkte reagiert, denn klar ist, dass ein Ende der Krise ohne die Fortsetzung der Reformen nicht zu erreichen ist. Die Notenbanken können der Politik nur Zeit zum Handeln erkaufen, nicht die Probleme lösen - die EZB war übrigens die erste, die genau das gesagt hat: "Jetzt liegt der Ball bei den Politikern."

Dass die Märkte die ersten Zögerlichkeiten sofort abstrafen, ist deshalb im großen Rahmen betrachtet positiv. Sie führen die Sanktionen durch, die die EZB nicht verhängen kann. Sie machen von Anfang an deutlich, dass es bei der Bekämpfung der Krise keinerlei Schonzeiten gibt - insofern sind sie die treuesten und effizientesten Verbündeten der Zentralbanker.

Fraglich bleibt natürlich, ob wirklich in allen Ländern noch Handlungsspielraum besteht, oder ob die jeweiligen Gesellschaften an den harschen Sparprogrammen zu zerbrechen drohen. Dann muss man eine Grundsatzentscheidung treffen: und zwar ob die reichen Länder letzten Endes nicht doch zusätzliche, gezielte Mittel auf diversen volkswirtschaftlichen Ebenen - etwa Arbeitsmarkt, Bildung etc. -investieren wollen. Diese Entscheidung fällt aber nicht Brüssel, sondern in Berlin.

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