"Kleine Zeitung" Kommentar: "Päpstliche Mission in ein Minenfeld" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 10.09.2012

Graz (OTS) - Als der Papst vor drei Jahren zum ersten Mal in den Nahen Osten aufbrach, war diese Reise nach Jordanien, Israel und in die palästinensischen Gebiete mit Erwartungen befrachtet, die am Ende nahezu zwingend unerfüllt bleiben mussten.

Die einen hätten sich von Benedikt XVI. eine Entschuldigung für den Holocaust erwartet, so als ob die Kirche diesen begangen hätte. Die anderen kreideten dem Oberhaupt der katholischen Kirche an, es habe zu wenig klare Worte des Bedauerns für seine Regensburger Rede gefunden, mit denen es im zweiten Jahr seines Pontifikats weltweit die Muslime gegen sich aufgebracht hatte.

Diese Woche fährt der Papst wieder in den Nahen Osten. Seine 24. Auslandsreise führt ihn in den Libanon. Doch anders als beim letzten Mal kommt niemand auf die Idee, der Mann im weißen Gewand könnte etwas bewirken auf seiner Mission in eine Region, die wie keine zweite ein politisches und religiöses Minenfeld ist.

Nach einem Jahr Arabellion ist aus dem Arabischen Frühling Winter geworden. Die Umbrüche haben die Realitäten von Grund auf verändert. Israel ist ins Abseits geraten und rüstet für einen präventiven Angriff auf die iranischen Atomanlagen und den dann wahrscheinlichen Vergeltungsschlag. In Syrien tobt ein grausamer Bürgerkrieg, dessen Sog nun auch den Libanon erfasst hat. Kämpfe zwischen Alawiten und Sunniten, zwischen Unterstützern und Gegnern des syrischen Regimes, haben im Norden des Landes zahlreiche Todesopfer und Verletzte gefordert. Nur mit Mühe gelang es der libanesischen Armee der Milizen Herr zu werden.

Winter herrscht vor allem aber auch für die Christen des Orients, für die die politischen Umwälzungen statt mehr Demokratie nur noch schlimmere Verfolgung durch islamistische Fanatiker gebracht haben.

Mit seiner Reise in den multireligiösen Libanon, in dem sie eine zwei Jahrtausende alte Tradition haben und noch immer zwischen 35 und 40 Prozent der Bevölkerung stellen, will der Papst seinen drangsalierten Glaubensbrüdern zeigen, dass er in dieser Zeit historischer Umbrüche für sie da ist.

Er wird das tun ohne ergreifende Zurschaustellung von Gefühlen und ohne große symbolische Gesten, wie sie sein Vorgänger Johannes Paul II. so gut beherrschte. Sondern Benedikt XVI. wird zum Dialog zwischen den Religionen aufrufen zu Aussöhnung und Frieden.

Das mag vielen zu wenig spektakulär sein. Aber es ist eine Stimme der Vernunft im Feuerofen des Hasses. Und die verdient es, gehört zu werden.****

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