"Kleine Zeitung" Kommentar: "Europa ist nicht fit für die weltweite Konkurrenz" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 04.09.2012

Graz (OTS) - Hätte es noch eines Beweises für die düsteren Wirtschaftsaussichten der nächsten Zeit bedurft, dann wurde er erbracht: Die Arbeitslosigkeit ist im August wieder deutlich gestiegen, und extrem stark sind die Leiharbeiter betroffen. Sie sind Frühindikator für die Konjunktur, weil sie als Erste gehen müssen, wenn die Auftragsbücher leer bleiben.

Unser Land muss sich also auf sozial schwierige Zeiten einstellen. Im Verein mit der ungelösten Euro-Krise ist die hohe Arbeitslosigkeit ein politisch hochexplosiver Zündstoff. Denn bisher ist es mit äußerster Not gelungen, das ungeliebte Projekt "Euro" mit dem Hinweis zu verteidigen, dass Österreich als Exportnation stark von der Währungsunion profitiert. Die Hilfszahlungen an schwache Euro-Länder wurden gewissermaßen mit unseren Exporterfolgen und den dadurch gesicherten Arbeitsplätzen gegengerechnet.

Wenn jetzt der Job-Markt fühlbar nachgibt, bricht diese Argumentationskette zusammen. Übrig bleibt dann nur das Argument, dass die Probleme ohne Währungsunion noch größer wären. Immerhin ist Österreich noch immer das Euro-Land mit der im Vergleich geringsten Arbeitslosigkeit. Ein schwacher Trost!

Tatsächlich hat Europa in den letzten zwei Jahrzehnten kein Konzept gegen die schleichende Deindustrialisierung gefunden. Hohe Umweltauflagen, unnötige Bürokratiekosten und fehlende eigene Rohstoffe bedrohen massiv die Basis unseres Wohlstands. Dazu hat sich die Gerechtigkeitsdebatte gedreht: Politisch kann man heute keine "Entlastung" der Unternehmer mehr durchsetzen, weil sie ohnedies als halbkriminelle Steuerflüchtlinge gelten. So ziehen die tatsächlich ungerechten "Gestaltungsmöglichkeiten" der globalen Spieler auch grundsolide Kleinunternehmen in Mitleidenschaft.

Das Versprechen, künftig als reine Dienstleistungsgesellschaft zu bestehen, bleibt Illusion. Europa und Österreich brauchen viel bessere Bildung, es muss ein Ruck der Verantwortung durch Lehrer-und Elternschaft gehen. Facharbeiter müssen wieder Lesen, Schreiben und Rechnen können. Ältere und Arbeitslose brauchen Hilfe beim Ausloten schlummernder Potenziale. Der Schulungswahnsinn beim Arbeitsmarktservice müsste durch Befähigung zum Selbstmanagement ersetzt werden.

Anti-Euro-Populisten haben das Glück, sich um diese Zusammenhänge nicht kümmern zu müssen. Wer aber auch künftig eine stabile Gesellschaft will, der möge sich betroffen fühlen - auch wenn er scheinbar einen "bombensicheren" Arbeitsplatz hat.****

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