Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Tiefpunkt mit F"

Ausgabe vom 4.9.12

Wien (OTS) - Die Zores der Volkspartei lenken derzeit zu stark von den
Freiheitlichen ab. Es ist zu fürchten, dass dies nach diesem Spindelegger-Auftritt im ORF auch so bleibt. Zu Unrecht, denn was sich aktuell in Klagenfurt abspielt, ist ungeheuerlich. Und Heinz Christian Strache, der sich ja in ganz Österreich um Wähler bemüht, befürwortet das ganze auch noch.

Also: Kurt Scheuch sagte, dass die "Sozis" das Grab Jörg Haiders "mit dreckigen Füssen" zertrampeln - und sie vom Wähler "mit Verachtung" zu strafen seien.

So tief war es schon lange nicht, es war aber beileibe noch nicht alles. Der "Kleine Zeitung" wurde einfach unterstellt, dass sie Geld von Frank Stronach nahm für ein Interview. Und der Korruptions-Staatsanwalt wird angepatzt als "Grün-Agigator". Die Kärntner Landesregierung (vermutlich nur deren FPK-Mitglieder) wurde als "letzter Hort gegen übermächtige Gegner" dargestellt. Das ist Propaganda, die man aus den 1930er Jahren kennt.

Die Freiheitlichen überschreiten damit die Außengrenze des demokratischen Universums - von Anstand ist ohnehin längst keine Rede mehr.

Zu den Worten gesellen sich Taten: Mit einer beschämenden Charakterlosigkeit flüchten sie aus Sitzungen des Landtages, um Neuwahlen noch heuer zu verhindern. Am 3. März 2013 wollen die Freiheitlichen wählen. Warum aber nicht gleich? Nun, weil sie hoffen, dass beim Wähler in den kommenden sechs Monaten das Propaganda-Trommelfeuer, das ohnehin alle Falotten sind, wirkt - und sie sich behaupten als Falotten, die man bereits kennt.

Der nach Kärnten entsandte Wolfgang Waldner erfuhr am Tag seiner Angelobung, wofür er als Landesrat zuständig sein wird. Die FPK räumte ihm die wesentlichen Agenden ab - fürs Geldverteilen will sie selbst zuständig sein. Dass ein ÖVP-Politiker davor ein so großes Ressort verwaltete, fiel nicht weiter auf - die vormalige ÖVP Kärnten war wenig mehr als ein Wurmfortsatz der Freiheitlichen. Mit Wolfgang Waldner geht das nicht - flugs ist er Kompetenzen los.

Soweit also die demokratische Reife der Freiheitlichen. Dass Strache das Treiben nicht nur wohlwollend beobachtet, sondern auch heftig verteidigt, zeigt, wie die Republik aussehen würde, wenn er Regierungsverantwortung hätte. Und da ist vom wirtschaftlichen Desaster noch gar nicht gesprochen worden . . .

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