- 30.08.2012, 21:22:09
- /
- OTS0221 OTW0221
Es kann nur eine Seite geben / Leitartikel von Marius Schneider
Berlin (ots) - Stellen Sie es sich noch einmal vor: Ein Mann geht mit
seiner kleinen Tochter abends nach Hause. Sie ist sieben Jahre alt,
und sie geht an seiner Hand, der Hand ihres Vaters. Doch plötzlich
erscheinen vier junge Männer. Sie beleidigen und bedrohen den Vater
und das kleine Mädchen in übelster Weise. Schließlich schlägt einer
dem Vater des Mädchens vor dessen Augen brutal ins Gesicht, bricht
Knochen in seinem Schädel. Und nun fragen Sie sich für eine Sekunde:
Ist es ein Unterschied, ob - wie am Dienstagabend in Schöneberg
geschehen- ein jüdischer Mitbürger in Berlin auf offener Straße
misshandelt wird oder irgendjemand anders? Vom menschlichen
Standpunkt aus ist die Antwort glasklar und einfach: Nein. Für unsere
Gesellschaft ist jeder Zustand unerträglich, in dem Menschen um Leib
und Leben fürchten müssen, weil sie die Symbole ihres Glaubens tragen
- egal, welche das sind. Jeder, der dieses Recht verletzt, verletzt
damit auch den normativen Grundkonsens dieser Gesellschaft: Ihn muss
die volle Härte des Rechtsstaates treffen - aber auch die
entschiedene Ablehnung von uns Mitbürgern. Die historische Realität
allerdings verlangt auch eine zweite Antwort. Und sie lautet: Ja, es
ist ein Unterschied. Jeder Vorfall wie dieser muss die Alarmglocken
einer Gesellschaft schrillen lassen. Doch an dieser besonderen
Glocke, an der der Gewalt gegen unsere jüdischen Nachbarn, kleben
noch die Fingerabdrücke unserer Väter und Großväter. Sie wurde schon
einmal von einem ganzen Land, unserem Land, festgehalten und zum
Schweigen gebracht. In der Tat gibt es auch jetzt, angesichts der Tat
von Schöneberg, Menschen, die aus ihrer spontanen Empörung heraus
Bürgerinitiativen gründen. Sie sind echte Vorbilder. Und die
verdrückt schweigende Menge derer, die - auch in den, wie man so
schön sagt, "gutbürgerlichen" Kreisen - doch schnell wieder vom "Es
muss auch mal Schluss sein" raunen, wenn es um das besondere
historische Verhältnis zu unseren Landsleuten jüdischen Glaubens
geht? Sie leisten einem mit neuen und uralten Ressentiments
durchzogenen Relativismus Vorschub, der unsere Abwehrreflexe gegen
gewaltbereite und antisemitische Gruppen gefährlich schwächt.
Jüdische Eltern wollen im Deutschland des Jahres 2012 ihren Kindern
raten, nicht mehr mit Kippa aus dem Haus zu gehen? Das ist schlicht
unerträglich! Nein: Es kann nicht Schluss sein. Niemals. Wer echtes,
erwachsenes Selbstbewusstsein aus der deutschen Geschichte des
letzten Jahrhunderts zieht, der nimmt diese historische Verantwortung
auch bewusst an. Und die Täter? Auch wenn sie aus anderen, zum
Beispiel muslimischen Umfeldern mit anderen historischen und
kulturellen Perspektiven auf das Judentum kommen mögen: Sie müssen
sich darüber im Klaren sein, dass wir sie als Teil unserer
Gesellschaft mit unseren Maßstäben messen - und ihre Taten nicht
dulden. Es kann gegenüber Gewalt an unseren jüdischen Mitbürgern nur
eine Seite geben: die der Kippa!
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | EUN






