• 28.08.2012, 18:07:26
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Spatenstich statt Totengräber"

Ausgabe vom 29. August 2012

Utl.: Ausgabe vom 29. August 2012=

Wien (OTS) - Amtierende und ehemalige deutsche Zentralbanker
gefallen sich derzeit in der Rolle der monetären Wächter. Wenn die
Europäische Zentralbank Anleihen der Euroländer kauft, verliert sie
ihre Unabhängigkeit - so deren Tenor.

Die Warnrufe von Jens Weidmann und Jürgen Stark sind aus zweifacher
Sicht entbehrlich und schädlich. Erstens scheinen sie immer noch
nicht kapiert zu haben, dass die derzeitige Krise in der
Europäischen Union mit wenig zuvor vergleichbar ist. Sich in solchen
Situationen auf Vorschriften und Dogmen zu berufen, zeugt von
fehlender Lösungsmöglichkeit - gespeist aus Engstirnigkeit. Die
großen Erfinder der Geschichte hätten mit diesem gedanklichen Zugang
vermutlich nicht einmal ein Streichholz erfunden.

Zweitens sollten diese Vertreter der reinen Lehre langsam begreifen,
dass sie das Geschäft der Populisten erledigen. Die verwenden diese
Experten-Meinung als Beweis für ihre Stammtisch-Thesen.
CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und FPÖ-Obmann
Heinz-Christian Strache gehen als Chef-Ökonomen wohl nicht durch,
aber sie können sich jederzeit auf den Chef der deutschen
Zentralbank berufen.

Von "Die EZB soll keine griechischen Anleihen kaufen" bis zu
"Griechen raus aus der Eurozone" ist es politisch nur ein ganz
kleiner Schritt. Dass die Dinge komplexer sind als von den
Populisten dargestellt, verliert sich in der dazugehörigen
Phrasendrescherei (wie im ORF-Sommerinterview von Strache zu hören
war.)

Die hohen Herren der Geldpolitik vergessen
noch eines: Europa ist längst eine Solidargemeinschaft, sogar in der
Privatwirtschaft. Wenn Raiffeisen in der Ukraine das vorletzte Hemd
verliert, bekommt die in Wien ansässige Bank finanzielle
Unterstützung vom österreichischen Steuerzahler, nicht vom
ukrainischen. Es geht auch gar nicht anders, zu groß sind die
gegenseitigen Abhängigkeiten geworden.

In den vergangenen Jahren hat diese Vernetzung in Österreich viele
Arbeitsplätze ins Land geholt, und bestehende erhalten. Ähnlich
schaut es in der deutschen Industrie aus. Wenn also nun die
monetären Dogmatiker ausrücken, um die Europäische Zentralbank zu
stoppen, so betätigen sie sich als Totengräber. Europa - und damit
wir alle - benötigt in den kommenden Monaten aber einen Spatenstich.
Und die EZB ist die größte Schaufel, die wir haben . . .

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

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