WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der komplizierte Umgang mit den Studien - von Esther Mitterstieler

Die Methoden der Europakritik sind oft leider nicht angemessen

Wien (OTS) - Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die
Geschichte auch in der Wirtschaft wiederholt: Da gab es im Jahr 2008 wenige Wochen vor dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers ein überzeugtes Triple A der großen Ratingagenturen. Wo haben diese sogenannten Experten hingeschaut? Wohl nicht nur auf die Zahlen. Dann war Österreich mit einer dunklen Vorahnung der Ratingagenturen im April 2009 konfrontiert. Grundtenor: Das Land habe aufgrund des hohen Ost-Exposures seiner großen Finanzinstitute ein massives Problem. Auch Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman stimmte in den Chor der Kassandras mit ein.

Und nun wieder ein schönes Beispiel, wie man die Menschen auch in wohlhabenden Ländern wie Österreich verrückt machen kann: Da legt die Schweizer Großbank UBS eine nicht eben wissenschaftlich eindeutig erprobte Studie vor, die besagt: Die Österreicher haben seit dem EU-Beitritt bis zu 35 Prozent ihres Gehalts eingebüßt. Und der Boulevard und die Parteien, die immer schon wussten, dass wir eigentlich ein kleines, autarkes Österreich nicht nur im Energie-, sondern auch im Währungsbereich werden sollten, haben wieder Hochkonjunktur. Nach dem Motto: Wir haben es immer schon gewusst, dass der kleine Mann für alle anderen geradestehen muss. Vor allem für die Fehler der Politiker.

Es gab Kritik der Industriellenvereinigung gleich nach dem Erscheinen der Studie, dass der Wahrheitsgehalt derselben ein überschaubarer ist. Zu sehr haben heimische Wirtschaft und Industrie vom EU-Beitritt profitiert. Auch heute noch - mit Wolken am Konjunkturhimmel - bleibt die Exportquote mit etwas mehr als 56 Prozent vergleichbar hoch - was zu Wohlstand geführt bzw. ihn stabil gehalten hat. Das sagen die Schweizer Banker nicht. Auch der renommierte Chefökonom der Bank Austria, Stefan Bruckbauer, hat vorgerechnet: Die Gehälter sind höchstens um 1,5 Prozent geschwunden - ein doch maßgeblicher Unterschied zu den von UBS genannten 35 Prozent.

Man kann zu Europa stehen, wie man will; bevor man die Populismuskeule schwingt, sollte man aber auch Für und Wider bestimmter Studien einordnen. Schon Winston Churchill glaubte nur den Statistiken, die er selber gefälscht hat bzw. fälschen ließ, wie er launig von sich gab. Europa und seine Einheit immer wieder infrage zu stellen, ist legitim. Allein: Die Methoden sollten angemessen sein. Das ist derzeit leider sehr oft nicht der Fall. Bitte zu berücksichtigen: Zu Tode gejammert ist auch gestorben.

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