- 23.08.2012, 17:22:15
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kleinbürger reicht nicht"
Ausgabe vom 24. August 2012
Utl.: Ausgabe vom 24. August 2012=
Wien (OTS) - Jede Zeit hat ihren Politikertypus. Schließlich
neigt, wer sich seine Führung selbst aussuchen kann - naja, mehr
oder weniger halt -, dazu, ein imaginiertes Abbild seiner selbst zu
wählen. Ein klein wenig idealisiert natürlich, schließlich gehen die
eigenen kleinen Sünden niemanden etwas an.
Wenn Aufbruch, Optimismus oder - noch besser - gar eine gewisse
Lebenslust in der Luft liegen, lässt sich auch das allgemein-geheime
Votum an der Wahlurne mitunter zu einer gewissen Leichtigkeit des
Seins verführen. Manch bunter Vogel gelangt so zu politischen Ehren.
Trifft dagegen diese allzu menschliche Grundtendenz auf eine eher
düster grundierte Konstellation aus ökonomischer Verunsicherung und
offensichtlichem moralischen Verfall leitender Angestellter der
Finanz- und Verwaltungsangelegenheiten, so feiert die
Wertehierarchie des ansonsten gern verpönten Kleinbürgertums ihr
Comeback. All die Paradiesvögel verlieren dann für die politische
Bühne plötzlich ihren Reiz, und an ihrer Stelle feiern altbackene
Werte wie Anständigkeit und Bodenhaftung ihre Auferstehung.
Die erste Reihe der nationalen Elite gleicht dann zum Verwechseln
der Honoratiorenschaft einer x-beliebigen Kleinstadt. Menschen mit
Ehrgeiz müssen sich diesem Rollenspiel der großen Gleichmacherei
unterwerfen - in Österreich genauso wie in Deutschland, in
Großbritannien, in den USA sowieso, und neuerdings sogar auch in
diesbezüglich toleranteren Ländern wie Italien und Frankreich.
Nichts anderes exerziert dieser Tage auch Milliardär Frank Stronach
vor; er passt zwar nach keinem Maßstab in die hiesige Biederkeit,
dennoch tut er alles, um sich das Prädikat "Einer von uns" anheften
zu können.
Man kann das lächerlich finden oder bewundern, Tatsache bleibt,
dass diese behauptete - und um nichts anderes handelt es sich bis
zum Beweis des Gegenteils - Egalität von Politik und Bürgern ein
beachtliches Glaubwürdigkeitsdefizit aufweist. Durch immerstete
Beteuerungen von noch mehr Anständigkeit, Bodenständigkeit und
Ehrlichkeit wird sich das nicht ändern.
Wer oben steht, hat notwendigerweise eine andere Perspektive auf
die sich ausbreitenden Verhältnisse. Wenn man dann noch weiß, wie
sich die Welt von unten betrachtet anfühlt, ist das wunderbar, aber
für sich genommen nicht hinreichend. So viel Selbstbewusstsein
sollte sich die Politik zumuten.
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