- 22.08.2012, 18:15:36
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Europas Rettungsschirme als Feigenblatt - von Hans Weitmayr
Die neue EZB-Strategie ist schlitzohrig, aber auch elegant
Utl.: Die neue EZB-Strategie ist schlitzohrig, aber auch elegant=
Wien (OTS) - Die größte Angst innerhalb der Eurozone besteht
nicht vor einem Austritt Griechenlands, sondern dem, was danach
passieren kann. Das Wort, das dabei in den Köpfen aller Beobachter
und Akteure herumspukt, lautet: Ansteckung. Diese Woche wurde es
wieder von Wifo-Chef Karl Aiginger in die Runde geworfen. Diese
Gefahr besteht tatsächlich. Sollte Griechenland aus der Eurozone
ausscheiden, ohne dass Europa im Vorfeld die notwendigen
Vorkehrungsmaßnahmen getroffen hat, drohen Angriffe der Märkte auf
Portugal, Spanien und Italien. Dass die Rettungsschirme einer
derartigen Herausforderung nicht standhalten würden, ist inzwischen
Lehrmeinung. Um die Märkte in Schach zu halten, braucht man die
Drohung unlimitierter Interventionen, wie es die Schweizerische
Notenbank an der Franken-Front bereits gezeigt hat. Vorbereitungen
für eine derartige Aufrüstung laufen deshalb auf Hochtouren. Die
Rettungsschirme dienen aber nicht mehr als Auffangmechanismus,
sondern als politisches Feigenblatt, das vor allem der deutschen
Bevölkerung einen König in neuen Kleidern vorgaukeln soll.
Bereitet hat die EZB das Terrain, indem sie als Voraussetzung für
ihr unlimitiertes Eingreifen auf den Anleihenmärkten das Ansuchen um
Schutzschirmgelder als Voraussetzung definiert hat. Damit
unterliegen diese Länder den Kriterien der Geber, gleichzeitig
behält man die Kontrolle über die vergebenen Mittel.
Bemerkenswerterweise hat aber niemand einen Satz darüber verloren,
wie hoch die zu beantragenden Mittel ausfallen müssen. 100
Milliarden? Zehn Milliarden? Eine? Sollte die Diktion unverändert
bleiben, könnte also etwa Italien mit einem geringen
Milliardenbetrag unter einen der Schirme schlüpfen und damit die
unlimitierten Mittel der EZB freischalten, die damit Renditeanstiege
an den Anleihemärkten deckeln könnte. Damit würden in einem zweiten
Schritt die Refinanzierungskosten sinken, da es sich jeder Trader
zwei Mal überlegen würden, gegen eine wild entschlossene EZB in die
Schlacht zu ziehen. Das Land selbst wäre vom Zahlungsausfall
gerettet. Gleichzeitig könnte es sich Italien leisten, seiner
Bevölkerung die viel zitierte Luft zu verschaffen. Allfällige
Sanktionen würden sich dann auf die geringen Mittel aus dem
Rettungsschirm beziehen, die unlimitierten EZB-Mittel blieben
unberührt.
Das ist an sich eine elegante, wenn auch leicht schlitzohrige
Lösung. Funktioniert sie, wird man EZB-Präsident Mario Draghi ein
Denkmal bauen. Nützen die Peripheriestaaten den neuen Spielraum
nicht zur Lösung ihrer Probleme, wird die Eurozone zerbrechen. Das
mit dem Denkmal wäre dann obsolet.
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