"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wenn Schule nur noch auf den Beruf vorbereitet" (Von Christian Weniger)

Ausgabe vom 15.8.2012

Graz (OTS) - Aus der napoleonischen Zeit erhält sich auch diese Anekdote. Eines Tages machte jemand den Kaiser darauf aufmerksam, in Frankreich welke die Literatur dahin. Napoleon wusste sofort einen dafür Verantwortlichen zu nennen: "Dafür ist der Innenminister zuständig."

In Österreich sorgt das Ausbleiben von Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen in London für einen nationalen Notstand. Der Bundeskanzler versucht nach dem Ministerrat den Schmerz mit der Verheißung zu lindern, neue Sportgesetze würden alles wieder gut machen. Manche ahnen ohnehin den wahren Grund, warum wir kein Leiberl mehr haben: weil man den Turnunterricht in den Schulen total vernachlässigt und eingeschränkt hat.

Diese Argumentation lässt sich fortsetzen. Unsere Teilnehmer am Song Contest landen nur auf den hintersten Plätzen, weil dem Musikunterricht kein Stellenwert mehr beigemessen wird. Das ist dann vielleicht auch der Grund, warum das Musikland Österreich keine jungen Musiker, Pianisten oder Violinisten aufbringt, die den international renommierten Tschaikowsky-Wettbewerb gewinnen. Letzteres trifft unsere Politiker wohl weniger hart, weil ihnen dieser Bewerb nicht so geläufig sein dürfte.

Die Schule als eine Wurzel allen sportlichen Kummers, das klingt zwar verlockend einfach, aber die Ursachen könnten doch komplizierter sein. Das werden uns die Sportexperten noch ganz genau erklären.

Im Gespräch bleibt ein Aspekt, der sonst unter den Tisch fällt. Unser Schulsystem dient nicht mehr einer allgemeinen Heranbildung junger Menschen, einer Vorbereitung und Reifung für das Leben im breitesten Sinn. Die Klassenzimmer erhielten vor allem den Anstrich einer Schmiedewerkstätte für das harte Berufsleben.

In diesem System findet ein Turnunterricht nur reduziert Platz. Auch wenn das Fördern regelmäßiger körperlicher Betätigung für das Leben an und für sich wichtig ist. Aber dafür sind mittlerweile die Krankenkassen zuständig, wenn sie Kuren und Rehabilitationsaufenthalte genehmigen. Und die Musikstunden müssen dem Mathematikunterricht weichen. Wer "Kein schöner Land" singen oder Musik hören will, soll am PC Youtube aufrufen.

Die Schule mag mehr Wissen eintrichtern als früher, doch ist sie insgesamt schmäler geworden. Bei gewissen Anlässen erinnert man sich dann, dass Junge mehr als Mathematik, Physik und Fremdsprachen brauchen könnten. So gesehen bleibt ein Trost: Vielleicht war es sogar nützlich, dass wir in London leer ausgingen.****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, redaktion@kleinezeitung.at, http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001