Wiener Zeitung: Leitartikel von Thomas Seifert: "Machtlos gegen Spaßguerilla"

Ausgabe vom 10. August 2012

Wien (OTS) - Von Gene Sharp, dem Guru des gewaltlosen Widerstands, stammt die Liste der "198 Methoden für gewaltlose Aktionen". Gene Sharp vom Albert-Einstein-Institut war schon DDR-Bürgerrechtlern, den Kämpfern für Demokratie in Myanmar oder jenen jungen "Otpor"-Aktivisten, die in Belgrad, Novi Sad und anderswo gegen Slobodan Milosevic auf die Straße gegangen sind, eine Quelle der Inspiration. Sharp gilt auch als geistiger Ziehvater des Arabischen Frühlings.

In seinen Anleitungen zum gewaltlosen Widerstand heißt es unter Punkt 35: "Humorvolle Sketche oder Streiche".

Sharp glaubt an die befreiende Wirkung des Lachens und er weiß, dass nichts einem Despoten oder autoritären Führer mehr schadet, als wenn er der Lächerlichkeit preisgegeben wird und die Menschen ihre Angst verlieren. Charlie Chaplin ("Der große Diktator") und Ernst Lubitsch ("Sein oder Nichtsein") versuchten diese Strategie bereits in den 40er Jahren.

Nun gelang es einer Gruppe von schwedischen Aktivisten, den weißrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko vorzuführen. Teddybären mit pro-demokratischen Transparenten landeten per Fallschirm in Minsk und anstatt die Aktion geflissentlich zu ignorieren, tappte Lukaschenko in die Falle: Er feuerte Luftwaffen-Offiziere und begann einen kalten Krieg gegen Schweden, von wo aus die Aktion ihren Ursprung genommen hatte, und lieferte damit Gratis-PR für die bärige Protest-Aktion.

Die Twitter-Generation hat ihre eigenen Protestformen hervorgebracht:
Die Frauen der ukrainischen Gruppe "Femen" protestieren mit entblößter Brust gegen alles Mögliche, die russische Band "Pussy Riot" ist seit Tagen in den Schlagzeilen, weil dreien ihrer Mitglieder wegen Rowdytum der Prozess gemacht wird. Ihre "Sünde": Sie hatten es gewagt, in der orthodoxen Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ein Putin- und kirchenkritisches "Punk-Gebet" aufzunehmen. Halb Russland schüttelt den Kopf darüber, dass junge Frauen monatelang wegen harmloser Streiche in Untersuchungshaft sitzen.

Die Spaßguerilla hat begriffen: Autoritäre Machthaber sind völlig humorfrei, ihnen fehlt das intellektuelle und emotionale Rüstzeug, um Ironie und Komik wirksam zu begegnen. Nichts ist subversiver, als wenn über die Machthaber gelacht wird; und das macht Bären, blanke Busen und Punk-Gören so gefährlich.

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