• 07.08.2012, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Letzter Aufruf für Europas Politik - von Robert Lechner

Die Schockwellen sind auch in Österreich angekommen

Wien (OTS) - Aus der europäischen Wirtschaft häufen sich die
alarmierenden Signale. Selbst Aushängeschilder wie der Ölkonzern
Shell wollen in den kommenden Monaten wegen der anhaltenden
Unsicherheit ihre Barreserven aus der Eurozone abziehen und in Dollar
umtauschen.

Damit fließen demnächst rund 15 Milliarden Euro in amerikanische
Anleihen. Offenbar kein Einzelfall: Obwohl die Vereinigten Staaten
vor exakt einem Jahr ihr Top-Rating AAA verloren haben, steht
momentan kaum etwas so hoch im Kurs wie Dollar-Bonds. Der Zinssatz
für Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren liegt mit 1,55
Prozent nahe seinem historischen Tief vom Juli. Offensichtlich
bringen auch immer mehr Privatanleger ihre Schäfchen außerhalb des
europäischen Geldsektors ins Trockene. Allein im zweiten Quartal sind
nach Angaben des Finanzdienstleisters Lipper fast 900 europäische
Investmentfonds vom Markt verschwunden. Nur ein kleiner Teil davon
wurde zusammengelegt. Das Gros musste mangels Volumen schlicht
aufgelöst werden.

Auf Österreich hat die Vertrauenskrise trotz einzelner Warnungen noch
nicht in vollem Umfang durchgeschlagen. Aber auch damit dürfte bald
Schluss sein. Wenn selbst sonst so zurückhaltende Unternehmenslenker
wie Lenzing-General Peter Untersperger im jüngsten
WirtschaftsBlatt-Interview vor den Irrwegen der heimischen
Wirtschaftspolitik warnen, ist Feuer am Dach. Gleichzeitig melden nun
auch rotweiß-rote Flaggschiffe wie der steirische Maschinenbauer
Andritz absehbare Probleme. Seit gestern steht fest, dass es im
ersten Halbjahr zwar den erwarteten Gewinnsprung gab. Dass der
Auftragseingang im selben Zeitraum aber fast um ein Drittel
eingebrochen ist, hat nicht nur die Börsianer geschockt. Die
Andritz-Aktie verlor aus dem Stand mehr als fünf Prozent.

Alles Dinge, denen aus der Perspektive überlasteter europäischer und
heimischer Spitzenpolitiker kaum Relevanz beizumessen wäre. Es sind
aber bekanntlich gerade die schwachen Signale, die oft große
Turbulenzen erahnen lassen.

Das Philosophieren über Sieg oder Niederlage von Hartwährungsländern
gegen die Befürworter einer Gelddruckmaschine EZB ist die jüngste
Debatte, die lediglich wertvolle Zeit kostet. Niemand kann ein
Patentrezept haben, um die aktuellen Probleme in der Europäischen
Währungsunion langfristig zu beherrschen. Mittlerweile sind wir aber
an jenem Punkt angekommen, an dem fast jede Lösung besser ist als die
andauernde Hängepartie.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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