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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Inflation der großen Worte" (von Thomas Götz)
Ausgabe vom 05.08.2012
Graz (OTS) - Langsam setzt sich der aufgewirbelte Staub und
die Folgen des Kärntner Bebens werden sichtbar. Der schlimmste
Kollateralschaden wirkt weit über die Landesgrenzen hinaus:
allgemeiner Vertrauensverlust. Wären heute Wahlen, es würde
vielleicht nur die Hälfte der Wahlberechtigten zu den Urnen gehen,
sagen Umfragen aus Kärnten.
Die abgedroschene Juristenphrase von der Unschuldsvermutung gilt
längst umgekehrt. Vermutet wird die Schuld, die Beweislast liegt beim
Politiker. Das ist verheerend für ein System, das auf Vertrauen fußt
und ohne diesen Kitt nicht funktioniert.
Es begann mit zu großen Worten, mit wohlfeilen Versprechungen, die
Politik nur um den Preis des Bankrotts einlösen kann. Das Land
schrumpfte zur Familie, geführt von einem guten Landesvater. "Passt
mir auf mein Kärnten auf", sagt der, wenn er einmal kurz fort muss.
Familie ist klar umgrenzt, Außenstehende kommen nicht in die warme
Stube. Ausdrücke wie "Waldmensch" oder "Kröte" für politische Gegner
und missliebige Richter markieren Störenfriede. Die anerkennen die
Okkupation des ganzen Landes durch eine Partei nicht. Gegen solche
Elemente mobilisiert die "Familie" die großen Gemeinschaftsgefühle,
während sie im Stillen die großen Summen verteilt.
Das ist ein Zerrbild von Demokratie. Die hat nüchternere,
bescheidenere Aufgaben. Wer mehr verheißt, macht sich verdächtig.
Die Folge der Überdehnung des politischen Machtanspruchs ist der
Wertverlust der großen Worte. In der Wirtschaft nennt man das
Inflation. Hier wie dort trifft die Wirkung alle, Schuldige wie
Unschuldige. Die Verluderung von Sitten und Sprache zersetzt ganz
langsam das feine Räderwerk des gewaltfreien Interessensausgleichs,
den nur ein demokratischer Rechtsstaat möglich macht.
Deshalb genügt es nicht, auf die Arbeit der Richter zu hoffen. Sie
können ja nicht viel mehr tun, als den Finger in die sichtbaren
Wunden zu legen. Sie sind Chirurgen vergleichbar. Die Heilung setzt
nach der Operation ein und dauert gewöhnlich viel länger als diese.
Beim Computer gibt es den Neustart auf Knopfdruck. Im Leben ist das
komplizierter. Woher soll das frische Personal kommen? Wie lassen
sich alte Unsitten überwinden, wie kann sich die politische Sprache
wieder regenerieren?
Voraussetzung ist die Einsicht in die Tiefe und Ursachen der Krise.
Gerichtsurteile und ein paar erzwungene Rücktritte können sie nicht
beheben. Früher hätte man von tätiger Reue gesprochen; Auch so ein
missbrauchtes, großes Wort.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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