• 02.08.2012, 18:15:31
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Bärenloses Fell, wirtenlose Rechnung - von Hans Weitmayr

EZB-Präsident Draghi hatte seinen Read-My-Lips-Moment

Wien (OTS) - Fell verteilende Märkte und Rechnung machende
Notenbanker sind gestern von ihren Bären und Wirten schmerzhaft auf
den Boden der Realität zurückgeholt worden. Wobei es sich bei
genannten Säugetieren und Dienstleistern um dieselbe Institution
handelt: die Deutsche Bundesbank. Deren Präsident, der eher harmlos
wirkende Jens Weidmann, dürfte sich EZB-Chef Mario Draghi bei der
inzwischen sprichwörtlichen Tasse Kaffee zur Brust genommen haben,
was darin mündete, dass aus dem draghischen "Wir werden alles tun",
um den Euro zu retten, ein "Wir könnten etwas tun" wurde - noch dazu
unter Hinweis auf die Preisstabilität. Ein glatter Kniefall vor der
Deutschen Bundesbank, die sich in den vergangenen Tagen vehement
gegen eine allzu offensive Geldpolitik der EZB positioniert hat.

Damit hat Draghi das wichtigste Gut aufs Spiel gesetzt, das ein Mann
in seiner Position hat: Vertrauen. Denn angesichts des eben
geschilderten kommunikationstechnischen GAUs bleiben bezüglich dessen
Zustandekommens nur zwei Deutungsmöglichkeiten: Entweder hat sich
Draghi verplappert. Oder es hat vor dem Alles-Tun-Sager doch eine
Absprache gegeben, die die Deutschen wieder zurückgenommen haben.
Letztere Variante erscheint ausgeschlossen. Bleibt Erklärung eins -
die auch nicht besonders beruhigend wirkt.

Denn dann hätte sich Draghi ohne Not in seinen persönlichen
Read-My-Lips-Moment manövriert. Mit diesen Worten hatte George W.
Bush Sr. seinerzeit sein Versprechen bekräftigt, im Falle seiner Wahl
keine neuen Steuern einzuheben - wie wir mittlerweile wissen, hat ihn
dieser Sager den Rest seiner einzigen Amtszeit verfolgt. Draghi droht
nach seinem "Und glauben Sie mir, es wird genug sein", mit dem er
sein Commitment zum Euro verstärkt hat, ein ähnliches Schicksal.

Die erratischen Kursbewegungen in unmittelbarer Folge der gestrigen
EZB-Sitzung mögen von Skeptikern als irrelevant, weil kurzfristig,
bezeichnet werden. Das wäre allerdings ein gefährlich voreiliger
Schluss. Denn die Finanzmärkte verteuern ebenso schnell die
Refinanzierungskosten der Peripheriestaaten - was wiederum in der
Sekunde der Emission eine deutliche Verteuerung der Neuverschuldung
nach sich ziehen kann. Der Einzige, der bislang die Macht hatte,
solche Trends mit einem Satz umzukehren, war Draghi. Möglicherweise
ist das seit gestern vorbei.

Rückfragehinweis:
Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
mailto:[email protected]

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