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"Kleine Zeitung" Leitartikel: "Der Onkel aus Amerika spielt den Krisenretter" (Von Peter W. Schroeder)

Ausgabe vom 30.07.2012

Graz (OTS/Pressestimmen) - Die Regierung in Washington leidet
zurzeit einen wahlkampfbedingten Größenwahn. So schickt Präsident
Barack Obama seinen Finanzminister Tim Geithner zum deutschen
Amtskollegen. Heute soll Geithner zuerst Wolfgang schäuble und
anschließend auch Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen
Zentralbank erklären, wie sie die Schulden- und Eurokrise endlich in
den Griff bekommen. Zum Wohle der USA und der gesamten Menschheit.
Versteht sich.

Dabei ist natürlich allen Beteiligten klar, dass die gegenwärtigen
weltwirtschaftlichen Verwerfungen wesentlich durch politischen und
fiskalischen Schlendrian der USA und durch die weiterhin ungebremste
Zockermentalität des US-Finanzgewerbes ausgelöst worden sind. Und als
Ratgeber und ehrliche Makler taugen die Amerikaner auch deshalb
nicht, weil sie den eigenen Laden nicht in Ordnung bringen können und
sich von einer Krisenwelle zur anderen wursteln.

Was auch kein Wunder ist. In Amerika ist Wahlkampf und da geht
entscheidungsmäßig rein gar nichts mehr. Die Republikaner, die Obama
im November stürzen wollen, blockieren weiterhin alles, was dieser
ohne Wahlkampf möglicherweise zur Beendigung der hausgemachten Krise
veranstalten möchte. Und aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen
plädiert Obama selbst für nichts, was unbedingt notwendig wäre, aber
das Wahlvolk verschrecken würde: beispielsweise kräftige
Steuererhöhungen und eine Neuordnung der Staatsausgaben mit rigoroser
Kürzung der Verteidigungsausgaben.

Und dass der amerikanische Schlendrian nach der Wahl im November
ungebremst weitergeht oder sogar noch schlimmer wird, ist eine reale
Aussicht: Sollten die Wähler den Amtsinhaber aus dem Weißen Haus
vertreiben und den Republikaner Mitt Romney zum Präsidenten machen,
muss sich der Rest der Welt ganz warm anziehen. Denn Romney will den
ökonomischen Republikaner-Unsinn vergangener Jahre schließlich
ungebremst fortsetzen: mit noch mehr Deregulierung, Steuersenkungen
und viel mehr Geld fürs Militär.

Aber auch ein Wahlsieg Obamas würde noch keine Umkehr garantieren,
wenn die Republikaner ihre Parlamentsmehrheit verteidigen können.

Geithners Auftritt als weiser Onkel aus Amerika macht bei alledem
keinen Sinn. Noch-Präsident Obama braucht einen Sündenbock. Und die
Republikaner sind ohnehin davon überzeugt, dass die Europäer an allem
Schuld sind und die USA alles richtig macht. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, -4033,
-4035, -4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at

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